ICD-10 Kriterien
Narzissmus
Der Ursprung des Ausdrucks Narzisst liegt in der griechischen Sage von Narziss (Narcissus), der sich dem Begehren der Nymphe Echo verweigert. Er will lieben, doch erkennt nicht die Liebe der Nymphe. Stattdessen sitzt er am See, starrt ins Wasser und begehrt sein eigenes Spiegelbild, was er aber nicht haben kann. Darüber verzweifelt er, bis er schliesslich stirbt. An seiner Todesstelle wächst eine Blume, die Narzisse.
So könnten wir einfach sagen: “ein Narzisst ist in sich selbst verliebt” - leider ist die Störung weit komplizierter als das Wort es darstellt.
Abgrenzung zur Borderline-Störung
Abschnitt betitelt „Abgrenzung zur Borderline-Störung“Sie werden hier sehr viele Ähnlichkeiten zur Borderline-Störung finden, dennoch ist es nicht dasselbe. Viele Therapeuten verwechseln dies und richten damit mehr Schaden als Nutzen an. Im DSM sind die Items fast gleich - nicht verwunderlich, dass viele Falschdiagnosen getroffen werden.
Des Weiteren sucht sich der Narzisst sehr oft eine Borderline-Persönlichkeit oder dependente Persönlichkeit für eine Beziehung (Komplementärstörung).
Die Sage geht weiter: Nach dem Tod von Narziss kommt die Nymphe Echo weinend an den See. Trübe und schmutzig liegt das einst so klare Wasser vor ihr und sie fragt den See “Warum bist du so trübe?” Der See antwortet “Ich bin traurig, dass sich keiner mehr in mir spiegelt. Jeden Tag spiegelte ich Narziss, es war mein Lebensinhalt, es tat so gut ihn zu spiegeln.”
Historische Entwicklung
Abschnitt betitelt „Historische Entwicklung“Der Narzissmus als solches ist von der Psychologie lange Zeit vernachlässigt worden. Dies zeigt sich darin, dass nicht einmal das ICD-9 (erst ab ICD-10) ihn als alleinige Störung klassifiziert. Anders im DSM, dort besteht sie als alleinige Störung schon sehr viel länger.
Wann ist die Grenze zur Krankheit überschritten?
Abschnitt betitelt „Wann ist die Grenze zur Krankheit überschritten?“Dies zu beurteilen fällt sogar Profis schwer, denn ein gesunder Narzissmus ist in jedem von uns vorhanden und muss auch sein.
Der pathologische Narzissmus
Abschnitt betitelt „Der pathologische Narzissmus“Menschen mit dieser Störung unterliegen einem Mangel ihres Selbstbewusstseins, welches aber im Zusammenhang mit ihren Objektbeziehungen (also Menschen die sie “lieben” oder mögen) steht. Dies stellt sich oft in Omnipotenz (Allmacht / “ich bin der Grösste”) dar, aber auch im gleichzeitigen Bezug “ich brauche dich um gross zu sein”.
Typische Verhaltensweisen
Abschnitt betitelt „Typische Verhaltensweisen“- Sie fallen durch ein ungewöhnliches Mass an Selbstbezogenheit auf
- Sie haben den starken Drang, von anderen geliebt und bewundert zu werden
- Sie haben in der Regel ein sehr aufgeblähtes Selbstkonzept
- Sie empfinden wenig Gefühl für andere - es fehlt ihnen an Empathie
- Sie setzen eine Fassade auf, die dem anderen Glanz und Gloria vermittelt
- Hinter dieser Fassade sind sie rastlos, ruhelos
- Starker Neid auf andere beschäftigt ihren Alltag
Zwischenmenschliche Beziehungen
Abschnitt betitelt „Zwischenmenschliche Beziehungen“Die zwischenmenschlichen Beziehungen dieser Menschen haben einen eindeutig ausbeuterischen Charakter. Sie nehmen sich das Recht heraus, über andere Menschen ohne Schuldgefühle zu verfügen, sie zu beherrschen.
Abwehrmechanismen
Abschnitt betitelt „Abwehrmechanismen“Auch Narzissten unterliegen den primitiven Abwehrfunktionen wie:
- Spaltung
- Verleugnung
- Idealisierung
- Projektive Identifizierung
Im Gegensatz zur Borderline-Störung verfügt der Narzisst aber über eine bessere Impulskontrolle. Sie weisen in anstrengenden sozialen Situationen ein extremes Mass an Selbstbeherrschung auf.
ICH-Grenzen und Projektion
Abschnitt betitelt „ICH-Grenzen und Projektion“Bei der narzisstischen Störung verschwimmen die Ich-Grenzen - anders als bei der Borderline-Störung - nicht. Der Narzisst weiss sehr genau zwischen “ICH und DU” zu unterscheiden. Er hat ein “Ich-Ideal”, welches er mit dem Idealobjekt (möglicherweise dem Partner) verschmelzt.
Aber auch er unterliegt der starken Projektion: Jeder Mensch hat Anteile, die er nicht mag. Der Narzisst projiziert seine für ihn nicht akzeptablen Anteile auf den anderen - die Anteile, die sich nicht in sein Selbstkonzept einschmelzen lassen - und entwertet diese dort. Er entwertet den anderen in seiner Persönlichkeit, doch entwertet er nur sich selbst. Dies wiederum tut ihm weh, worauf er noch mehr abwertet. Ein Teufelskreis.
Das innere Erleben
Abschnitt betitelt „Das innere Erleben“Der Narzisst ist ein ausgehungerter Mensch - wütend, rastlos, innerlich leer - und versucht dieses Defizit durch andere Menschen auszugleichen. In ihm arbeitet ein ohnmächtiger Zorn über die Verletzungen der Kindheit, doch gleichzeitig in der Furcht vor der Welt, die ihm geboten wird.
Er folgt der Devise: “Dieser Mensch kann etwas für mich erledigen oder nicht.”
Alle Personen, mit denen der Narzisst zu tun hat, bedingen einen Zweck. Sollte dieser Zweck nicht erfüllt werden (ausgenommen die Personen, die er gerade idealisiert), erlebt er die Person wie einen leblosen Schatten.
Selbstliebe und Liebesfähigkeit
Abschnitt betitelt „Selbstliebe und Liebesfähigkeit“Wir können sagen, dass man unter Narzissmus nicht nur das krankhafte Extrem der Selbstsucht versteht, sondern auch das krankhafte Streben der Selbstliebe.
Die Philosophie und Psychologie spricht davon, dass man nur lieben kann, wenn man sich selbst liebt. Insofern richtig, doch kippt hier die ganze Geschichte ins Gegenteil: Die Liebe des Narzissten zu sich selbst ist so stark, dass sie nichts anderes zulässt. Er ist somit nicht liebesfähig.
Grundlegende Ängste
Abschnitt betitelt „Grundlegende Ängste“Da der Narzissmus eine frühkindliche Störung ist, belasten ihn auch die gleichen Ängste wie den Borderliner. Dem Narzissten fehlt es an Sicherheit - Sicherheit gegenüber dem Leben. Er kann sich nicht in das “Gefüge” der Umwelt geben. Er muss etwas “Besonderes” sein, nicht zuletzt aus seiner Angst heraus, die damit kompensiert wird.
Narzissmus in Beziehungen
Abschnitt betitelt „Narzissmus in Beziehungen“Der Narzisst sehnt sich nach dem Urzustand - also seinen ersten Lebensmonaten, in denen es keine Trennung zwischen Objekt (Umwelt) und ihm (selbst) gab. Da die Symbiose (die absolute Verschmelzung) nicht mehr im Erwachsenenalter stattfinden kann, kann der Narzisst nur Teilaspekte einer Beziehung zulassen - nämlich die, die für ihn nicht angsteinflössend sind.
Beziehungsdynamik
Abschnitt betitelt „Beziehungsdynamik“In der Partnerschaft tritt beim Narzissten schmerzlich das “Getrennt-Sein” zutage. Aus diesem Grunde ist eine narzisstische Beziehung sehr anfällig auf Störungen von innen und von aussen.
Partnerwahl
Abschnitt betitelt „Partnerwahl“Der Narzisst hat Angst vor einer festen Partnerschaft, obwohl er sich danach sehnt. In der Regel ist der Partner, den er wählt, in Intelligenz und sozialer Herkunft unterlegen. Dies muss sein, da der Narzisst in Beziehungen immer manipuliert, um seine Bedürfnisse befriedigen zu können.
Beziehungskonflikte
Abschnitt betitelt „Beziehungskonflikte“Eine narzisstische Beziehung ist im ständigen Konflikt:
- “Ich bin böse, weil du mir Verpflichtungen auflegst und mich einengst”
- “Ich enge dich ein, weil du rücksichtslos zu mir bist”
Je starrer und extremer diese Haltung ist, desto grösser ist der Beziehungskonflikt.
Gegenseitige Abhängigkeit
Abschnitt betitelt „Gegenseitige Abhängigkeit“Narzisstische Beziehungen beruhen immer auf gegenseitiger Abhängigkeit. Der Narzisst wählt sich oft die hysterische, infantile, dependente (abhängige) Persönlichkeit oder Borderline-Persönlichkeit. Durch die Abhängigkeit und Konzentration auf den Partner isoliert der Narzisst sich aber immer mehr, und dies begünstigt bei ihm das Gefühl der “Beziehungsfalle”.
Der Spiegel
Abschnitt betitelt „Der Spiegel“Der Ausspruch “liebe deinen nächsten wie dich selbst” ist für den Narzissten der reinste Horror. Denn im tiefsten Innersten mag sich der Narzisst nicht. Er liebt den Spiegel, in dem er sich sieht. Durch ihn lebt er, durch ihn ist er existent.
Nimmt man einem Narzissten den Spiegel, ist er wie ein Wurm unter Gottes Erden. Der Spiegel kann vieles sein: Sie als Partner, Geld, Macht. In der Regel wird er versuchen, diese drei Dinge zusammenzubringen.
Weiterführende Informationen
Abschnitt betitelt „Weiterführende Informationen“DSM-IV Kriterien
Vertiefung
Psychodynamik
Beziehungsdynamik