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Ein Treffen in der Trennung

Was passiert, wenn Sie dem Borderliner nach der Trennung begegnen? Warum erschüttert es Sie so sehr? Und warum funktioniert Ihr Verstand in diesem Moment nicht mehr rational?

Da steht er (der Borderliner) vor Ihnen. Seine Ausstrahlung ist nicht die, die Sie kennen:

  • Seine Haltung, seine Mimik, seine Augen drücken Angst, Ablehnung, eisige Kälte aus
  • Nichts deutet darauf hin, dass dieser Mensch Sie noch kürzlich “geliebt” hat

Sie sind durch die Umstände – das kurzfristige Umschlagen von Liebe zu Hass, Symbiose und Distanz, Idealisierung und Abwertung – völlig durch den Wind:

  • Ihr Herz schlägt, als ob es den Brustkorb sprengen will
  • Sie ringen nach Atem, die Kehle schnürt sich zu
  • Ihre Knie scheinen aus Watte
  • Ihre Augen brennen vom fehlenden Schlaf
  • Ihr Adrenalin- und Cortisol-Spiegel sind weit über dem normalen Level

In diesem Moment passiert etwas Entscheidendes: Ihr Gehirn blendet die Realität aus.

Um Ihre Kraftreserven zu mobilisieren, greift Ihr Gehirn zu einem alten Trick:

  • Es blendet alle chaotischen, schrecklichen Situationen aus
  • Es blendet allen Schmerz und alle Erniedrigungen aus
  • Es holt sich stattdessen alle schönen Bilder zurück
  • Die Augen, die noch vor kurzem so liebevoll, so zärtlich schauten
  • Den Körper, von dem Sie jeden Millimeter kennen
  • Die Verschmelzung, das Eins-Werden
  • Die Träume, die Sie gemeinsam hatten
  • Den Mund, der so wundervolle Worte formen konnte
  • Die Hände, die so zärtlich sein konnten

Was Ihr Gehirn ausblendet:

  • Dass diese Hände Sie nicht hielten, wenn es darauf ankam
  • Dass dieser Mund Ihnen Verletzungen entgegenschleuderte
  • Dass diese Augen Sie manipulierten
  • Dass dieser Körper sich im Bruchteil der Zeit einem anderen Menschen hingab

Ihr logischer Verstand, der Ihnen sagen würde “Lass es, geh!” – setzt aus.

Die Falle in Ihnen lautet:

  • “Das kann doch nicht alles gelogen gewesen sein” – War es auch nicht (Spaltung), nur zum Teil (Manipulation)
  • “So kann er nicht zu einem anderen werden, nicht in so kurzer Zeit” – Doch, kann er. Hat er schon getan.
  • “Was ist mit all den Versprechen?” – Zählen nicht (Spaltung), sind gar nicht mehr vorhanden.

M. (weiblicher Borderliner) und H. (männlich) treffen sich zufällig.

M. dreht ständig den Kopf weg, behandelt H. wie Luft. Ablehnung und absolute Kälte. Doch dann entspannt sich die Situation etwas – M. wird wütend und bombardiert H. mit Vorwürfen. Das kennt H.: Wenn M. wütend wird, steigen die Chancen.

Sie laufen am Fluss entlang. Plötzlich bleibt M. stehen, dreht sich um und sagt:

“Ich liebe dich doch auch.”

H. bleibt wie vom Donner gerührt stehen. Er streichelt ihr sanft durch das Haar. Ein Zittern läuft durch ihren Körper, die Augen füllen sich mit Tränen. Er nimmt sie in die Arme, sie weint herzzerreissend.

Nach fünf Minuten strahlt M. wie ein kleines Kind. Eingehakt plappert sie über alles Mögliche – nur nicht über die Probleme. H. versucht das Gespräch darauf zu bringen. M.s Gesicht verfinstert sich:

“Ich will jetzt nicht darüber reden.”

H. wird wütend: “Verdammt, immer geht es nach dir!”

M. blickt ihn mit angstverzerrtem Gesicht an, die Augen weit aufgerissen:

“Geh jetzt.”

Sie sagt, sie hatte Angst. Wovor? “Vor dir. Ich dachte, du wirfst mich in den Fluss.”

Vier Stunden später ruft M. an, ganz weich und zärtlich:

“Verzeih mir wegen vorhin. Möchtest du zum Essen kommen?”

Sie sehen an diesem Beispiel, wie schnell ein Borderliner hin und her schalten kann:

  • Von Ablehnung zu “Ich liebe dich”
  • Von Zärtlichkeit zu panischer Angst
  • Von Trennung zu Einladung zum Essen

Dies ist nicht willentlich gesteuert. Es ist die frei flottierende Angst, die Spaltung, die Instabilität.

Nach dem wundervollsten Sex, der absoluten Verschmelzung, liegt der Borderliner neben Ihnen und bricht in Tränen aus. Herzzerreissendes Schluchzen – aber Tränen des Glücks.

“Wieder ein Stück Mauer eingerissen”, sagt er mehr zu sich als zu Ihnen.

In diesem Satz steckt das gesamte Spektrum der Zerrissenheit. Was hat er nicht für Kräfte aufgebraucht, um diese schützenden Mauern aufzubauen. Jetzt kommen Sie und sprengen sie Stück für Stück weg.

Dafür liebt er Sie – denn das ist für ihn wahre Liebe. Gleichzeitig hasst er Sie dafür – weil er Angst hat.

Im Borderliner tobt ein verzweifelter Kampf. Er weiss, dass seine Angst wieder siegen wird. Die Tränen sind Ausdruck dieses Kampfes.

Heute, nachdem Sie sich mit der Borderline-Störung beschäftigt haben, sind Sie schlauer. Aber Sie können nicht vernünftig oder logisch agieren, da Ihr Gegenüber weder vernünftig noch logisch ist.

Und Sie können auch nicht so chaotisch denken, fühlen oder handeln – denn Sie unterliegen nicht der Borderline-Störung.

In Ihrem momentanen Zustand klammern Sie sich an:

  • Das Wort “Vernunft”
  • Moralische und ethische Wertvorstellungen

Diese existieren für den Borderliner in diesem Moment nicht.


Denken Sie daran: Die Wertvorstellungen, die er hatte – es waren Ihre, die er übernahm. Durch die Projektion dockte er nahtlos an Ihr “ICH” an.