Dissoziation
Was ist Dissoziation?
Abschnitt betitelt „Was ist Dissoziation?“Dissoziation ist ein psychischer Mechanismus, bei dem es zu einer teilweisen oder vollständigen Abspaltung von psychischen Funktionen kommt. Der Begriff bezeichnet das Gegenteil von Assoziation - statt Verbindungen herzustellen, werden Zusammenhänge getrennt.
Durch einen komplexen psycho-physiologischen Prozess kommt es zu einer Fragmentierung von:
- Bewusstsein und Kognitionen
- Affekten und Verhalten
- Gedächtnis und Identität
- Wahrnehmung des Selbst und der Umwelt
Alltägliche vs. pathologische Dissoziation
Abschnitt betitelt „Alltägliche vs. pathologische Dissoziation“Normale Alltagsdissoziationen
Abschnitt betitelt „Normale Alltagsdissoziationen“- Tagträumen
- Gedankenabschweifen
- “Highway-Hypnose” (Amnesie bei längeren Autofahrten auf gleicher Strecke)
- Absorption in ein Buch oder einen Film
- Kurzzeitige Entfremdungsgefühle bei Überarbeitung
Pathologische Dissoziation
Abschnitt betitelt „Pathologische Dissoziation“Bei pathologischen Dissoziationen kommt es zu nachhaltigen Störungen der integrativen Funktion des Bewusstseins. Nach traumatischen Situationen treten fünf dissoziative Hauptsymptome auf (Prävalenz 2-10%):
- Amnesie
- Depersonalisation
- Derealisation
- Identitätsunsicherheit
- Identitätswechsel
Dissoziation als Schutzmechanismus
Abschnitt betitelt „Dissoziation als Schutzmechanismus“Viele körperlich oder sexuell Misshandelte lernen, mental aus ihrem Körper “auszusteigen”, neben sich zu treten, um möglichst wenig durchleiden zu müssen.
Was ursprünglich als Schutzmechanismus in einer traumatischen Situation diente, kann sich später verselbstständigen und zum Problem werden.
Die Entstehung bei Kindern
Abschnitt betitelt „Die Entstehung bei Kindern“Nehmen wir den sexuellen inzestuösen Missbrauch: Die seelische Grausamkeit, die einem Kind hier angetan wird, ist nicht in Worte zu fassen und erfasst kaum unseren Verstand oder Vorstellungskraft. Wie soll ein Kind so etwas bewältigen?
Es muss eine Strategie finden, um dieser Belastung standzuhalten. Es stellt sich nach aussen: “Mir passiert das nicht, das passiert einem anderen.” Dazu muss es in der Phantasie andere Personen erfinden, denen diese Grausamkeiten zugefügt werden.
Diese werden dann - je häufiger und massiver die Grausamkeiten - mehr und mehr verinnerlicht und bilden abgespaltene Aspekte der eigenen Persönlichkeit. Da das Kind die Dissoziation als erfolgreich erlebt, lernt das Gehirn, auf diesen Abwehrmechanismus zurückzugreifen. Die dissoziative Reaktion schleift sich ein und wird immer selbstverständlicher genutzt.
Formen dissoziativer Störungen
Abschnitt betitelt „Formen dissoziativer Störungen“Dissoziative Amnesie
Abschnitt betitelt „Dissoziative Amnesie“Es handelt sich um Erinnerungslücken bezüglich belastender Lebensereignisse.
Formen der Amnesie:
- Generalisiert - auf alle Ereignisse innerhalb eines bestimmten Zeitraums
- Lokalisiert - auf umschriebene Ereignisse
- Selektiv - auf einige, jedoch nicht alle Ereignisse eines bestimmten Zeitraums
- Systematisch - in Bezug auf Aspekte oder Kategorien eines Ereignisses
- Akut - mit z.T. erheblichen Beeinträchtigungen
- Chronisch - oft verdeckt
Häufigkeit: Auftreten bei etwa 10% der Allgemeinbevölkerung nach traumatischen Ereignissen.
Dissoziative Fugue
Abschnitt betitelt „Dissoziative Fugue“Es handelt sich um das plötzliche und unerwartete Entfernen der betroffenen Person aus ihrer gewohnten Umgebung:
- Amnesie für die persönliche Lebenssituation und Vergangenheit
- Teilweise Annahme einer anderen Identität
- Nach aussen hin unauffälliges Verhalten
- Nach dem Ende des Zustands meist Amnesie für den Zeitraum
Es handelt sich um ein eher seltenes Krankheitsbild. Meist bildet sich der Zustand spontan zurück.
Dissoziativer Stupor
Abschnitt betitelt „Dissoziativer Stupor“Die Betroffenen sind bewegungslos und schweigen ohne Reaktion auf Umgebungs- oder Schmerzreize. Auch hier besteht nach Abklingen eine partielle oder totale Amnesie für den Zustand.
Der Zustand kann Minuten bis Stunden, in seltenen Fällen Tage und Wochen anhalten, mit fluktuierendem Verlauf. Zumeist klingt die Symptomatik spontan ab.
Depersonalisations- und Derealisationssyndrom
Abschnitt betitelt „Depersonalisations- und Derealisationssyndrom“Depersonalisation - das eigene Selbst wird entfremdet und unwirklich wahrgenommen:
- Sich selbst von aussen beobachten
- Das Gefühl, nicht real zu sein
- Körperliche Taubheit oder Fremdheit gegenüber dem eigenen Körper
- Gestörte Sinnesempfindungen (visuell, auditiv, taktil, olfaktorisch)
- Gestörte Körperbedürfnisse (Hunger und Durst)
- Das Gefühl, wie ein Roboter zu funktionieren
- Manchmal als “Benommenheit” beschrieben
Derealisation - die Umgebung erscheint unwirklich:
- Alles wirkt wie in einem Film oder Traum
- Vertraute Orte erscheinen fremd
- Menschen wirken wie Kulissen
- Verzerrte Wahrnehmung von Zeit und Raum
Häufig treten depressive, phobische sowie zwanghafte Begleiterscheinungen auf. Das isolierte Depersonalisationssyndrom betrifft jüngere Menschen, mit doppelt so häufigem Auftreten bei Frauen. Der Verlauf ist in bis zu 50% chronisch.
Trancezustände
Abschnitt betitelt „Trancezustände“Es handelt sich um den zeitweiligen Verlust der persönlichen Identität und der vollständigen Wahrnehmung der Umgebung:
- Aufmerksamkeit und Bewusstsein nur auf ein bis zwei Aspekte der Umgebung begrenzt
- Betroffene verhalten sich bisweilen so, als seien sie von einer anderen Persönlichkeit “beherrscht”
- Es handelt sich ausschliesslich um unfreiwillige, die alltäglichen Aktivitäten unterbrechende Zustände
- Häufig mit wiederholten Bewegungsabläufen oder Äusserungen
Dissoziative Krampfanfälle
Abschnitt betitelt „Dissoziative Krampfanfälle“Es handelt sich um pseudoepileptische Anfälle mit einer zeitlich begrenzten Störung der Kontrolle motorischer, sensorischer, autonomer, kognitiver, emotionaler und von Verhaltensfunktionen.
Formen:
- Ohnmachtsanfälle - langsames Zu-Boden-Sinken, ruhiges Liegen mit geschlossenen Augen
- Wutanfälle - dramatischer Beginn, oft mit Lautäusserungen, heftige Bewegungen
- Abreaktionsanfälle - konvulsive Bewegungen, häufig Atemstörungen
- Pseudoepileptische Statuszustände - führen nicht selten zu intensivmedizinischen Behandlungen
Etwa 25% der therapieresistenten Epilepsien werden als nicht erkannte dissoziative Anfälle angesehen.
Dissoziative Bewegungsstörungen
Abschnitt betitelt „Dissoziative Bewegungsstörungen“Meist handelt es sich um den teilweisen oder vollständigen Verlust der Bewegungsfähigkeit einer oder mehrerer Körperteile:
- Vollständige oder partielle Lähmung
- Ataxie, Astasie, Abasie
- Übertriebenes Zittern mehrerer Extremitäten
- Apraxie, Akinesie
- Aphonie, Dysphonie, Dysarthrie, Dyskinesie
Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen
Abschnitt betitelt „Dissoziative Sensibilitäts- und Empfindungsstörungen“- Anästhesien und Parästhesien
- Sehstörungen als Verlust der Sehschärfe
- Hörstörungen und Anosmie
Typischerweise stimmen die Symptome nicht mit bekannten anatomischen Gegebenheiten und physiologischen Mechanismen überein.
Ganser-Syndrom
Abschnitt betitelt „Ganser-Syndrom“Es handelt sich um ein ausgesprochen seltenes, komplexes Störungsbild, das durch “Vorbeiantworten” gekennzeichnet ist.
Dissoziative Identitätsstörung (DIS)
Abschnitt betitelt „Dissoziative Identitätsstörung (DIS)“Früher als “Multiple Persönlichkeitsstörung” bezeichnet. Die DIS stellt neben dissoziativer Amnesie, dissoziativer Fugue und dissoziativer Depersonalisationsstörung eine eigene Kategorie im DSM dar.
Hauptsymptome:
- Amnesien
- Entfremdungserleben
- Stimmenhören im Kopf
- Manifestation von Identitätswechseln (spontane Altersregression, innere verbale oder schriftliche Dialoge, Finden von Sachen an deren Erwerb man sich nicht erinnern kann)
Das Hauptmerkmal ist das Vorhandensein von mindestens zwei unterscheidbaren Teilidentitäten, die wiederholt Kontrolle über das Verhalten der Person übernehmen, verbunden mit dissoziativen Amnesien. Die Alternativ-Ichs werden als nicht zur eigenen Persönlichkeit gehörend wahrgenommen.
Häufige Begleitsymptome:
- Impulsdurchbrüche und Selbstverletzungen
- Angstsymptome
- Substanzmissbrauch
- Somatisierungs- oder Essstörungen
- Schwere Depressionen, Suizidimpulse und Versuche
- Starke Schwankungen im affektiven und allgemeinen Funktionsniveau
- Verschiedene Formen von Persönlichkeitsstörungen (Borderline, vermeidende/unsichere, dependente)
Epidemiologie: Die Störung wird bei Frauen drei- bis neunmal häufiger diagnostiziert als bei Männern. Meist werden drei Vordiagnosen mit einer Latenz von 6 bis 22 Jahren bis zur adäquaten Diagnosestellung gestellt.
Posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1)
Abschnitt betitelt „Posttraumatische Belastungsstörung (ICD-10 F43.1)“Auslöser: Aussergewöhnliche Bedrohung oder katastrophales Ereignis
Intrusionen
Abschnitt betitelt „Intrusionen“- Flashbacks
- Erinnerungen mit Gegenwartscharakter
- Wiederholungsträume
- Innere Bedrängnis in Situationen, die mit der traumatischen zusammenhängen
Konstriktion
Abschnitt betitelt „Konstriktion“- Emotionale Betäubung
- Stumpfheit
- Teilnahmslosigkeit
Hyperarousal
Abschnitt betitelt „Hyperarousal“- Ein- und Durchschlafstörungen
- Reizbarkeit
- Wut- und Panikausbrüche
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Erhöhte Schreckhaftigkeit
- Teilweise oder vollständige Unfähigkeit der Erinnerung an wichtige Aspekte des Traumas
- Suizidgedanken
- Autodestruktives Verhalten
- Dissoziative Zustände
- Vermeidungsverhalten
Dissoziative Flashbacks
Abschnitt betitelt „Dissoziative Flashbacks“Betroffene erleben häufig:
- Qualvolle Ängste aus lebensbedrohlicher Not
- Schmerzende Körperempfindungen
- Ohne das traumatisierende Ereignis direkt erinnern zu können
Dies ist eine Folge der gestörten Hippocampusfunktion, die ein episodisches Erinnern verhindert.
Intrusive Erinnerungen
Abschnitt betitelt „Intrusive Erinnerungen“Sich aufdrängende Erinnerungen können sich steigern bis zu quälenden Hypermnesien:
- Nicht abschaltbare Erinnerungen
- Fast ständig präsent
- Leicht antriggerbar
Emotionale Taubheit
Abschnitt betitelt „Emotionale Taubheit“Traumatisierte erleben häufig eine allgemeine Abflachung ihrer Reaktionsfähigkeit:
- Gefühlsmässig dumpf, stumpf und schwingungsarm
- Gefühl von Losgelöstheit oder Entfremdung
- Bodenlose Einsamkeit und Leere
- Das Gefühl, eine eingeschränkte Zukunft zu haben
Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10 F62.0)
Abschnitt betitelt „Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10 F62.0)“Eine posttraumatische Belastungsstörung (F43.1) kann dieser Form vorausgegangen sein.
Auslöser: Extrembelastung durch Lebensbedrohung
Symptome:
- Gefühle von Hoffnungslosigkeit und/oder Leere
- Nervosität
- Gefühle von Bedrohung
- Autodestruktives Verhalten (Alkoholexzesse, Gebrauch psychotroper Substanzen, offene Selbstverletzungen)
- Essattacken
- Entfremdungsgefühle
- Misstrauische oder feindliche Haltung gegenüber der Aussenwelt
- Sozialer Rückzug
- Einschränkung der sozialen Funktionsfähigkeit
Trigger und Reaktivierung
Abschnitt betitelt „Trigger und Reaktivierung“Die Reaktivierung traumatischer Erinnerungen kann durch vielfältige Reize erfolgen:
- Geräusche - bestimmte Töne oder Stimmen
- Gerüche - Parfüm, Schweiss, bestimmte Düfte
- Ähnlichkeiten mit Tätern - Stimmen, Gesten, Aussehen
- Orte - bestimmte Räume oder Umgebungen
- Jahreszeiten - Jahrestage des Traumas
- Körperliche Berührungen - bestimmte Arten von Kontakt
Körperliche Manifestationen
Abschnitt betitelt „Körperliche Manifestationen“Der Körper erinnert sich an Erlebtes, ohne dass es Worte oder Verstehen braucht:
Bei oraler Traumatisierung
Abschnitt betitelt „Bei oraler Traumatisierung“- Druckgefühl auf der Brust
- Würgereize
- Asthma, Hyperventilation
- Husten
- Klossgefühl im Hals
- Unerträglicher Ekel
Bei sexueller Traumatisierung
Abschnitt betitelt „Bei sexueller Traumatisierung“- Unterleibsbeschwerden
- Störungen des Zyklus
- Sexualstörungen
- Manchmal völlige Anästhesie des Unterleibs
Allgemein
Abschnitt betitelt „Allgemein“- Chronische Schmerzzustände (oft Kopf und Rücken)
- Psychogene Lähmungen
- Somatisierungsstörungen
Der Zusammenhang mit Borderline
Abschnitt betitelt „Der Zusammenhang mit Borderline“Bei der Borderline-Störung spielen dissoziative Mechanismen eine zentrale Rolle. Die Borderlinepersönlichkeit dissoziiert in manchen Situationen - insbesondere in Situationen, die für die Psyche eine enorme, nicht mehr auszuhaltende Belastung darstellen, oder in denen das Gehirn es erlauben würde, sich an traumatische Erlebnisse zu erinnern.
Unterschied zur DIS
Abschnitt betitelt „Unterschied zur DIS“Der Borderliner wechselt nicht wie bei der DIS in eine andere Person, sondern er geht in eine innere andere Welt - man könnte auch sagen “er verlässt sich”. Allerdings haben beide eines gemeinsam: Das Verhalten kann - für uns nicht ersichtlich aus welchem Grund - von einer Minute auf die andere plötzlich umschlagen, als ob es ein ganz anderer Mensch ist.
Das Bewusstsein zieht sich zurück, um den überwältigenden negativen Emotionen zu entkommen.
Spaltung als dissoziativer Prozess
Abschnitt betitelt „Spaltung als dissoziativer Prozess“Betroffene müssen zwischen “guten” und “schlechten” Objekten spalten:
- Es gibt nur schwarz oder weiss
- Gefühle werden oft abgespalten
- Häufig bekommt nur die grosse Wut Raum
- Dies dient der Abwehr von Nähe und Beziehung
Gestörte Ich-Funktionen
Abschnitt betitelt „Gestörte Ich-Funktionen“Menschen mit Borderline-Störung haben:
- Grosse Probleme in der Beziehungsgestaltung
- Nie gute und stabile Beziehungen kennengelernt
- Schwierigkeiten, Gefühle zu regulieren
- Kein klares Identitätsbild durch ihre Ich-Fragmente (das ist keine Identitätsstörung)
Fachliche Diskussion
Abschnitt betitelt „Fachliche Diskussion“Viele Fachleute diskutieren darüber, die dissoziative Identitätsstörung (DIS), die Multiple Persönlichkeitsstörung und die Borderline-Störung zusammen mit der posttraumatischen Belastungsstörung unter dem Begriff “Störung durch schwere Stresserfahrungen” zusammenzufassen. Das liegt daran, dass sowohl DIS als auch Borderline schwer zu diagnostizieren sind und manche Fachleute der Meinung sind, dass die Wirklichkeit dieser Menschen in den jetzigen Diagnosen jeweils nur zu zwei Drittel beschrieben wird.
Neurobiologische Grundlagen
Abschnitt betitelt „Neurobiologische Grundlagen“Durch die Überflutung mit komplexen physiologischen Stressreaktionen und Störungen im Neurotransmittersystem im Gehirn werden posttraumatische und dissoziative Symptome induziert.
Einfluss auf das Gehirn
Abschnitt betitelt „Einfluss auf das Gehirn“-
Sichere Bindung und ein empathisches Primärobjekt schützt durch die Erhöhung der Stressschwelle den Hippocampus und den orbitalen Cortex präfrontalis vor Schädigungen durch die Stresshormone Noradrenalin/Dopamin und Glucocorticoide
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Gehäufte Stresserfahrungen in der Kindheit schädigen (über den erhöhten Glucocorticoid-Spiegel) sowohl den Hippocampus mit Einbussen im deklarativen Gedächtnis als auch (über erhöhten Dopamin-/Noradrenalin-Spiegel) den orbitalen Cortex präfrontalis
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Die Störung des Hippocampus verschlechtert das Kurzzeitgedächtnis und führt über die gestörte dynamisch-assoziative Verknüpfung von Erlebnisinhalten zu Dissoziationen
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Die Fehlfunktion des orbitalen Cortex präfrontalis stört die kognitive Stressbewältigung (Coping, Handlungsplanung und Organisation, Hemmung ungeeigneter Antworten) anhaltend
Kinder mit desorganisiertem Bindungsstil
Abschnitt betitelt „Kinder mit desorganisiertem Bindungsstil“Kinder mit desorganisiertem Bindungsstil weisen vermehrte Episoden tranceartiger Zustände auf.
Geschichte des Konzepts
Abschnitt betitelt „Geschichte des Konzepts“Es handelt sich nicht um neue Krankheitsbilder. Zwischen 1840 und 1880 war das Thema der gespaltenen Persönlichkeit eines der von Psychiatern und Philosophen am häufigsten diskutierten Themen.
Pierre Janet (1859-1947), der französische Psychiater, führte den Begriff der Dissoziation als Desintegration und Fragmentierung des Bewusstseins in die Fachwelt ein. Als wichtigsten Auslöser nannte er (1889) real erlebte Traumata, die zu einer Störung der Ich-Funktion, Integration und zu den sogenannten “Idées fixes” führen.
Morton Prince legte Janets Dissoziationskonzept seinen Arbeiten zugrunde, in denen er Zusammenhänge zwischen frühen traumatischen Erfahrungen und dissoziativer Identitätsstörung beschrieb. Er nannte sie “alternierende Persönlichkeit” und führte die Bezeichnung “Co-Bewusstsein” ein.
Sigmund Freud entwickelte parallel seine triebtheoretischen Modelle und lieferte ein Verständnismodell für die hysterischen Störungen.
Behandlung
Abschnitt betitelt „Behandlung“Dissoziative Störungen als Folge von Traumatisierung erfordern eine spezialisierte traumatherapeutische Behandlung.
Therapieformen je nach Störung
Abschnitt betitelt „Therapieformen je nach Störung“Bei dissoziativer Amnesie:
- Beim isolierten Auftreten: psychodynamische Kurzzeittherapie
- Bei Kombinationen mit anderen dissoziativen Störungen: psychodynamische Langzeittherapie, eventuell ergänzt durch spezifische Traumakonfrontationen
Bei dissoziativer Identitätsstörung: Die Behandlungsrichtlinien sehen eine hochfrequente ambulante Einzeltherapie vor mit psychodynamischen und kognitiv-behavioralen (neben hypnotherapeutischen und familientherapeutischen) Ansätzen. Die Therapiedauer erstreckt sich über vier bis acht Jahre.
Die vier Phasen der Therapie bei DIS
Abschnitt betitelt „Die vier Phasen der Therapie bei DIS“Phase 1: Stabilisierung
- Aufbau einer tragfähigen, vertrauensvollen therapeutischen Beziehung
- Arbeitsbündnis mit allen Teilidentitäten
- Abklärung und Stabilisierung der aktuellen Lebenssituation
- Arbeit an den persönlichen Ressourcen
- “Mapping” - Erkundung der individuellen Persönlichkeitssysteme
Phase 2: Förderung der Kommunikation
- Die bisher füreinander amnestischen Alternativ-Ichs begegnen sich
- Sie nehmen Kontakt zueinander auf, lernen sich kennen
- Erste Kooperationen werden versucht
Phase 3: Traumabearbeitung und Integration
- Kontrollierte Hervorbringung traumatischer Erinnerungen (Traumasynthese)
- Rekonstruktion der traumatischen Erfahrungen
- Kontrollierte Exposition in hochstrukturiertem Setting
- Verschiedene Techniken (Bildschirm, Beobachter, EMDR)
Phase 4: Postintegrative Psychotherapie
- Trauerarbeit über die verlorene Kindheit und die erlebten Verletzungen
- Aufbau neuer Bewältigungsstrategien
- Neuorientierung im Erleben, Reagieren und Sozialverhalten
Therapieziele
Abschnitt betitelt „Therapieziele“Hauptziel: Die Patienten sollen ein Gefühl für ein einheitliches und alltagstaugliches Selbst entwickeln bis hin zu einer ständigen Integration aller Teilidentitäten in die Gesamtpersönlichkeit.
Minimalziel: Eine weitgehende Kooperation aller Alternativ-Ichs im Tagesbewusstsein ohne Amnesien, mit bewusster Kontrolle des Patienten über die einzelnen Anteile und ohne Abspaltung oder Ablehnung einzelner Anteile.
Dissoziationsstopp bei akuten Zuständen
Abschnitt betitelt „Dissoziationsstopp bei akuten Zuständen“Bei akutem dissoziativen Stupor werden die Betroffenen:
- In neutralem Tonfall begrüsst
- Räumliche, zeitliche und örtliche Orientierung wird festgestellt
- Aufgefordert, ruhig zu atmen und beim Ein- und Ausatmen im Sekundentakt von eins bis fünf zu zählen
- Sehr intensiv aufgefordert, Blickkontakt aufzunehmen und in die Situation des Hier und Jetzt zurückzukommen
- Nach Ankündigung kann der Betroffene am Unterarm angefasst werden