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Spaltung und Projektion

Die Spaltung ist einer der zentralen Abwehrmechanismen bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Sie erklärt, warum Betroffene ihre Umwelt oft in extremen Kategorien wahrnehmen - entweder als vollkommen gut oder vollkommen böse.

Projektion bedeutet, eigene Anteile an sich nicht zu sehen, sondern sie auf den anderen zu übertragen und dort zu bekämpfen. Beim Borderliner bedeutet “bekämpfen” oft Vernichtung.

Projektion heisst aber auch, dass das eigene Imago (inneres Bild) auf den anderen projiziert wird.

Der Borderliner unterliegt der aktiven Spaltung. Das bedeutet:

  • Er tut dies nicht unbewusst, sondern bewusst
  • Er spaltet nicht nur zwischen “gut und böse”
  • Sondern auch zwischen abwesend und anwesend

Der Spaltungsmechanismus ist eine frühe und primitive Form, um mit seelischen Belastungen fertig zu werden. Dieser Abwehrmechanismus wird normalerweise von der nächsten höheren Form - der Verdrängung - abgelöst.

  • Spaltung liegt zeitlich vor der Verdrängung
  • Spaltung bedeutet Flucht
  • Diese wird gegen eine innere “Triebgefahr” (ES) eingesetzt
  • Aber nur dann, wenn sie wie ein äusseres Gefahrensignal behandelt wird

Deshalb ist der Borderliner ständig bereit, mit Panikattacken zu reagieren, sobald seine Schutzmechanismen angegriffen werden - oder er dies so wahrnimmt.

Energieeffizienz

Da die Spaltung weniger “Gegenbesetzungsenergie” benötigt als die Verdrängung, ist es dem Borderliner einfacher, zu diesem Mechanismus zu greifen - zumal er den nächst höheren Mechanismus nicht entwickelt hat.

Verdrängung und Spaltung sind beides Schutzmechanismen des ICH. Der Nachteil der Spaltung besteht darin, dass - im Gegensatz zur Verdrängung - die abgespaltenen Einflüsse (Energien) permanent vorhanden bleiben und nicht aufgelöst werden.

Hier liegt auch ein Grund für die Verschiebung des Objektbildes (des Partners) von der Idealisierung zur Abwertung.

Der Borderliner erlebt solche Momente, als ob er nach aussen gestellt ist - also ich-synton (ich-fremd):

  • Er sieht sich wie eine zweite Figur, auf die er keinen Einfluss hat
  • Umso mehr kann es ihm auch leid tun, wenn der “andere, das andere ICH” verschwunden ist
  • Der Borderliner lügt hier nicht - er empfindet diesen Schmerz wirklich und echt
  • Erklären kann er es nicht
  • Wir können sagen: Er hat sich erlebt wie im falschen Film

Um die charakteristische Spaltung aufrecht erhalten zu können, bedarf es einiger Hilfsmittel:

  1. Idealisierung - Überhöhung des Gegenüber zum perfekten Objekt
  2. Projektion - Übertragung eigener Anteile auf andere
  3. Projektive Identifizierung - Sich mit dem projizierten Bild identifizieren
  4. Omnipotenz (Allmacht) und Abwertung - Extreme Selbstüberschätzung oder Entwertung

Die Idealisierung ist ein notwendiger Bestandteil der menschlichen Entwicklung - besonders das Bild der Eltern. Dieser Vorgang ist wichtig zur Bildung des Ideal-ICH.

Im Laufe der Zeit lernen gesunde Menschen, dies nicht mehr tun zu müssen, da die Mutter präsent war - sie konnten sich entfernen und wieder annähern.

Michel's Ablöseprozess % Ablösung 1 10 20 Michel's Ablöseprozess Alter
Michel’s Ablöseprozess - Der gestörte Ablösungsprozess bei der Borderline-Entwicklung

Beim Borderliner hat die Mutter genau das Gegenteil vermittelt:

“Ich bin gut, wenn du hier bist / Ich bin böse, wenn du dich entfernst. Komm her - und in dem Moment: Geh weg!”

Hier reicht ein ambivalentes Verhalten der Mutter aus.

Der Ex-Partner einer Borderline-Beziehung tut dasselbe wie der kleine Borderliner als Kind: Er idealisiert den Partner, obwohl dieser ihm so furchtbar weh tut. Ein Schutzmechanismus der Seele.

Als Kind kommt es oft vor, dass die Eltern idealisiert werden und das Kind sich für “nicht geliebt sein” selbst tadelt. Hier kommen alle drei Störungen zum Tragen:

  • Borderliner
  • Narzisst
  • Essstörung

Der zentrale Mechanismus

Das Kind projiziert seine Aggression auf das geliebte Objekt, muss es aber gleichzeitig idealisieren, um es vor der Zerstörung durch die Aggression zu bewahren.

Das ICH wirkt als Pufferzone, um Energien zu neutralisieren.

ES, ICH und ÜBER-ICH: Normale integrierte Psyche vs. Borderline-Spaltung NORMAL: Integrierte Psyche (Balance) BORDERLINE: Spaltung (Durchbruch & Extreme) Stabilität zunehmend Spaltung & Eskalation ÜBER-ICH (Regeln, Kontrolle) ICH (Realität, Balance) ES (Triebe, Impulse) ES (Triebe, Impulse) ICH ÜBER-ICH (Regeln, Kontrolle) (Fragmentiert, kein Widerstand) Das "ICH" schafft Stabilität und vermittelt zwischen den Kräften. Das "ICH" wirft keinen Widerstand, das "ES" schiesst ungebremst in das "ÜBER-ICH". Spaltung.
Links: Bei einer integrierten Psyche vermittelt das ICH zwischen ES und ÜBER-ICH. Rechts: Bei der Borderline-Spaltung ist das ICH fragmentiert - die Triebkräfte des ES schiessen ungebremst durch.

Der Borderliner sieht sein Gegenüber als Angreifer, wenn er ihn abwertet. Er nimmt ihn nur in Teilaspekten wahr, nicht als ganzheitlichen Menschen. Er weiss in dem Moment nicht, dass dieser Mensch auch gut sein kann.

Um sich zu schützen, wendet er die projektive Identifizierung an:

  • Er introjiziert (verinnerlicht) das gehasste und gefürchtete Objekt
  • Vergleichbar mit dem “Stockholmsyndrom”
  1. Der Borderliner projiziert “seine” Schuld auf den anderen
  2. Um dies tun zu können, muss er sich mit dem anderen identifizieren (projektive Identifizierung)
  3. Er wird somit der andere
  4. Erst jetzt kann er “seine” schlechten Anteile beim anderen bekämpfen
  5. Bekämpfen heisst bei ihm: vernichten
  6. Er vernichtet somit “seine” schlechten Anteile in sich
  7. Doch er vernichtet damit den anderen, weil er nicht mehr “er” ist, sondern der andere

Einfach ausgedrückt: Er vernichtet Anteile, die er dem anderen zuschreibt, aber die nur bei ihm vorhanden sind. Da dies nicht funktioniert (der andere hat die Anteile ja nicht, sie sind nur imaginär), wird der andere vernichtet.

Stellen Sie sich vor: Sie sind eine Leinwand, der Borderliner ist der Projektor.

  • Projektor hat einen schlechten Film in sich und wirft ihn auf die Leinwand (Sie)
  • Projektor ärgert sich über die schlechte Qualität und gibt der Leinwand die Schuld
  • Leinwand sagt: “Ich bin das nicht”
  • Das interessiert den Projektor nicht
  • Projektor kommt nicht darauf, den Film zu tauschen (es ist die Kindheit - unmöglich)
  • Also bearbeitet er die Leinwand, bis sie dem aufgestrahlten Film entspricht
  • Dass die Leinwand jetzt nur noch Fetzen ist, ist nebensächlich
  • Jetzt passt es, sagt der Projektor, und lässt seinen Film weiter laufen
  • Aber die Leinwand ist lebendig und verändert sich
  • Also muss der Projektor nachjustieren
  • Im Normalfall an seiner Linse - hier nicht
  • Die Leinwand wird wieder “eingerichtet”
  • Und wenn sie verschlissen ist, wird eine neue gekauft

Das Sprung- bzw. Spaltungsverhalten zeigt sich besonders deutlich in intimen Beziehungen.

Im normalen Beziehungsbereich ist es völlig normal (da keine Beziehung statisch ist), dass sich Partner:

  • Mal mehr, mal weniger lieben
  • Sehr glückliche Zeiten erleben
  • Auch mal Spannungen haben

Dennoch nehmen die Partner den anderen ganzheitlich wahr. Sie bewegen sich in einem normalen Beziehungs-Gefühlsspektrum.

Sprungverhalten der Borderlinepersönlichkeit in der Partnerschaft Sprungverhalten der Borderlinepersönlichkeit in der Partnerschaft 2 2 1 1a 3 3a 2 Normalbereich (ohne BL-Störung) 1, 1a, 3, 3a Borderlinebereich 1a Idealiserung, Symbiose, vollzogene Spaltung (weiß) 1 Bereich der übertriebenen Bewunderung, Beginn der Symbiose 3 Abwertung, Beginn der Entwertung und Spaltung 3a absolute Entwertung und vollzogene Spaltung (schwarz) © Team Borderlinezone D. Sander & T. Laier
Das Sprungverhalten der Borderline-Persönlichkeitsstörung im Vergleich zum normalen Beziehungsbereich

Bereich 1 / 1a: Idealisierung

  • Übertriebene Bewunderung
  • Vollzogene Symbiose
  • “Du bist mein Gott”
  • Spaltung in “gut”, “weiss”

Bereich 3 / 3a: Abwertung

  • Schlagartige Abwertung
  • “Du warst mein Gott”
  • Spaltung in “böse”, “schwarz”
  • Beziehungsabbruch möglich
  • Von Bereich 1/1a springt die Borderline-Persönlichkeit schlagartig in Bereich 3 (Abwertung)
  • Intrapsychisch ist es meist nicht möglich, direkt von 3 nach 1 zu springen
  • Er muss über 3a nach 1 und von dort nach 1a
  • Von 1a nach 3a kennzeichnet oft einen Beziehungsabbruch
  • Ihre Handlungen werden als beschützend wahrgenommen
  • Sie werden zum unangreifbaren Gott

Typische Situation:

Partner: “Ich kann nicht so schnell umschalten, lass mich erst mal beruhigen, ich geh mal 3 Stunden spazieren.”

Borderliner: “Wenn du jetzt gehst, bin ich weg, wenn du wieder kommst.”

  • Der Borderliner fühlt sich durch diesen Wechsel auch völlig zerrissen
  • Projiziert jedoch die Schuld an seinem Verhalten auf den Partner
  • In Bereich 1a: Omnipotenz (Allmacht)
  • In Bereich 3a: Selbstentwertung, Selbstverletzung, Untreue, Drogen-/Alkoholmissbrauch, Hassattacken