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Tipps für Betroffene der dependenten Störung

Nachdem Sie die Fragen des vorhergehenden Abschnitts beantwortet haben, hat sich für Sie, wie ich hoffe, ein Bild abgezeichnet. Entweder Sie sind jetzt relativ sicher, der dependenten (abhängig von…) Störung zu unterliegen oder zumindest starke dependente Strukturen zu besitzen, oder aber Sie passen nicht in dieses Muster.

Für all die, die etwas ändern wollen, kann dieser Abschnitt hilfreich sein.

Grundsätzlich sollten Sie sich darüber im Klaren sein, dass es sehr schwer ist, alte Verhaltensstrukturen/Rollenmuster aufzubrechen und zu verändern. Ein Prozess, der nicht von heute auf morgen geht. Wie lange haben Sie allein gebraucht, um so zu werden oder an diesen Punkt zu kommen?


Als Erstes sollten Sie erlernen, Nein sagen zu können. Das hört sich einfacher an, als es getan ist.

Ziel: Wenn Sie Nein sagen können, ohne dass in Ihnen eine Verlustangst aktiviert wird oder Sie Schuldgefühle empfinden, haben Sie es geschafft.

In erster Linie ist hier das Nein im normalen Ausmass und die normale ICH-Abgrenzung zum Partner gemeint. Sie müssen also lernen, einen gesunden Egoismus zu entwickeln.

Das heisst nicht: “Ich bin mir wichtiger als mein Partner.”

Sondern: “Ich bin (mir) genauso wichtig wie der Andere.”


Gleichzeitig müssen Sie Ihre aufkommenden Ängste, die Sie vielleicht nicht bewusst wahrnehmen, bearbeiten.

  1. Achten Sie ganz genau auf Ihren Bauch, ob da ein ungutes Gefühl hochkommt
  2. Stellen Sie sich die Frage: “Wovor habe ich jetzt Angst?”
  3. In der Beantwortung haben Sie sich Ihrer Angst gestellt

Mit “ungutes Gefühl” sind nicht Zweifel oder Misstrauen gemeint, sondern Ängste.

Ein Weg ist auch, Ihren Partner aufzufordern, über Ihre aufkommenden Ängste mit Ihnen zu sprechen:

  • “Wenn ich das mache/nicht mache, dann…”
  • “Ich mache das nicht, weil ich mich sonst dir gegenüber schlecht fühlen würde, da in mir das Gefühl…”

Über Ihre Ängste zu sprechen hat nichts mit Schwäche zu tun, im Gegenteil.


Da Sie sehr empfänglich für die emotionale Erpressung sind, sollten Sie erlernen, diese in ihren verschiedensten Formen zu erkennen.

A sind Sie, B Ihr Partner. Sie werden zu C (Aussenstehender) und stellen sich folgende Fragen:

  1. Befindet sich A jetzt in einer emotionalen Erpressung?
  2. Warum tut B das? (das, was er gerade mit A tut)
  3. Wie würde A reagieren, wenn A ich wäre?
  4. Wie würde B darauf reagieren?
  5. Wie sollte A reagieren?
  6. Wie würde A reagieren, wenn A B wäre?

Nicht jede Aktion/Reaktion ist eine emotionale Erpressung. Auch Ihr Gegenüber hat Ängste oder den einen oder anderen Schaden.

Reagieren Sie nicht wie eine Dampflok, sondern sprechen Sie mit Ihrem Partner darüber:

“Ich habe das Gefühl, du versuchst mich emotional zu erpressen, indem du…, das verursacht bei mir…, ich wünschte, du würdest…”


Ihr Partner darf nicht mehr alleiniger Mittelpunkt Ihres Lebens (Denken und Handeln) sein.

Ziehen Sie sich aber nicht zu stark zurück, das würde Ihr Partner als Ablehnung empfinden. Versuchen Sie ganz kleine Entfernungen herzustellen. Stück für Stück.

Konkrete Beispiele:

  • Nicht ständig fragen: “Was machst du? Wo gehst du hin? Wann kommst du wieder?”
  • Nicht ständig fragen: “Liebst du mich noch? Machst du jetzt Schluss?”
  • Wenn Ihr Partner sich nicht zum vereinbarten Zeitpunkt meldet, setzen Sie sich ein Zeitlimit (z.B. zwei Stunden), bevor Sie anrufen
  • Keine Vorwürfe, kein “Ach Gott, ich bin so besorgt”, sondern ein bestimmtes Daraufhinweisen

Verabschieden Sie sich von dem Gedanken: “Viel Gefühl erzeugt viel Gefühl.”

Diese quantitative Vorstellung hat in der Gefühlswelt keine Gültigkeit, da Gefühle keiner linearen Logik folgen.

Trennen Sie sich von dem Gedanken, nur glücklich zu sein, wenn es dem Partner gut geht.

Natürlich macht es Sie (jeden) glücklich, wenn der Partner es ist. Das gehört zur Liebe. Glücklich sind Sie, wenn die Beziehung funktioniert.

Sie funktioniert aber nicht, wenn Sie permanent Opfer dafür erbringen bzw. zurückstecken müssen.

“Mache ich das, was ich tue, DAMIT es funktioniert oder WEIL es funktioniert?”

Ertappen Sie sich beim “damit”, hat Ihre dependente Struktur bzw. Ihr Regelmechanismus wieder zugeschlagen.


Nehmen Sie sich Stift und Papier und machen einen Vertrag mit sich selbst. Diesen Vertrag tragen Sie immer bei sich.

  • Führen Sie auf, was Sie nicht mehr zulassen wollen
  • Jeder Satz fängt an mit: “Ich werde nicht mehr…”
  • Sichern Sie sich bei Verstoss eine Vertragsstrafe zu (z.B. eine Überweisung von X Euro an das Tierheim)

Um Ihr Wertigkeitssystem neu einstellen zu können, müssen Sie Ihren Kreislauf erkennen und durchbrechen.

Situation -> Aufsteigen von Verlustängsten -> Handeln -> Reaktion des Partners (z.B. emotionale Erpressung) -> Bestätigung Ihrer Ängste + Schuldgefühle -> erneutes Handeln -> Annahme durch den Partner -> Bestätigung “ich muss nur mehr…” -> Konditionierung -> Situation


Wie bereits gesagt: Verändern Sie sich, verändert sich alles andere. Sie werden dann nicht mehr diese Problemfälle anziehen.

  • Geben Sie sich nicht gleich, in allen Bereichen des Lebens, vollkommen hin
  • Überprüfen Sie sich ständig
  • Bewahren Sie die erlernte ICH-Abgrenzung
  • Halten Sie sich an Ihren Vertrag

Das und nichts anderes ist Ihr Schutz.

Neue Partner sind Lern- und Prüfobjekte. Das heisst, eben noch keine Partner, sondern Kandidaten mit Aussicht auf eine Partnerschaft.


Sollten Sie sich zu einer Therapie entschliessen, ist es normal, dass Sie das Gefühl haben, Ihnen ginge es erst einmal schlechter.


Wie im Leben nun mal ist, gehört zum Laufen lernen das Hinfallen. Und wenn Sie hinfallen, können Sie immer noch entscheiden, ob Sie wieder aufstehen oder sitzen bleiben.

Ob Sie sich nun trennen oder nicht, spielt letztlich keine Rolle. Wenn Sie sich verändern, wird sich alles andere verändern, egal in welche Richtung.