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Psychodynamisches Modell - Gesunde Persönlichkeit

Die nachfolgenden Erlaeuterungen dienen als unabdingbare Verständnisgrundlage der einzelnen psychodynamischen Störungsmodelle. Lesen Sie diese Seite zuerst, bevor Sie sich mit den spezifischen Störungsmodellen befassen.

UEBER-ICH

Gewissen, Normen, Imagos - geprägt von den Eltern und der Umwelt. Teils bewusst, teils unbewusst.

ICH

Die Persönlichkeit selbst. Teils bewusst, teils unbewusst.

ES

Die Triebe und Antriebe des Menschen. Vollstaendig unbewusst.

TriebFunktion
HungerNahrungsaufnahme
DurstFluessigkeitsaufnahme
SchlafRegeneration

Die Antriebe sind jene Kraefte, die uns dazu treiben, etwas ganz Bestimmtes zu tun:

Selbsterhaltungstrieb

Der grundlegende Antrieb zum Überleben

Geschlechtstrieb

Fortpflanzung und Sexualitaet

Bruttrieb

Fürsorge für Nachkommen

Machttrieb

Streben nach Einfluss und Kontrolle

Herrschsucht

Dominanzstreben

Habgier

Besitzstreben

Das ICH hat drei Hauptaufgaben:

  1. Beziehungsherstellung zur Aussenwelt (über das Selbst), zum ES und zum UEBER-ICH
  2. Bewaeltigung der Ansprueche und Gefahren dieser Realitaetsfaktoren
  3. Vermittlung zwischen Aussenwelt und ES, Aussenwelt und UEBER-ICH, UEBER-ICH und ES
  • Wahrnehmung und Erinnerung
  • Denken
  • Planen
  • Lernen
  • Abwehr gegenüber dem ES (ES-Impulse, Triebe, Antriebe)
  • Abwehr gegenüber dem UEBER-ICH
  • Bewaeltigung gegenüber der Aussenwelt (ICH-Triebe)

Stellen Sie sich das ICH als komplexe, zusammenhaengende Einheit vor - die Persönlichkeit. Dieses ICH entwickelt sich im Laufe der Jahre langsam und dazu muss es natuerlich eine Chance haben. Gegeben wird dies durch Mutter, Vater, Bezugspersonen und soziales Umfeld.

Stellen Sie sich (bei einem gesunden Menschen) bildhaft eine komplette, ganze Wasserwaage vor, die auch in der Waage ist:

  • Das ICH wäre genau in der Waagerechten
  • Über das ICH definiert sich das Selbst
  • Ist das ICH in der Waage, ist auch das Selbst in der Waage
  • Kippt das ICH, kippt auch das Selbst

Das ICH entwickelt sich in Stufen - vom ersten Innewerden des ICH bzw. des Subjektseins im 2. Lebensjahr bis hin zum ca. 12. Lebensjahr (Beginn der Adoleszenz). Es ist stark verbunden mit dem moralischen Urteil (Gewissen).

Das ICH-Bewusstsein beinhaltet:

  • Aktivitaetsbewusstsein - Was tu ich?
  • Unitaetsbewusstsein - Einheit des ICH im Gegensatz zur Spaltung
  • Identitaetsbewusstsein - Wer oder was bin ich?
  • Diversitaetsbewusstsein - Unterscheidung zwischen Empfindung und Gegenstand

Der Mensch entwickelt im Laufe der Zeit Abwehrmechanismen, die das ICH schützen. Sie sitzen zwischen ES und UEBER-ICH als Pufferzone.

1. Spaltung Fruehstadium der Abwehrmechanismen (Baby bis 4 Jahre). Kann nur in gut und boese aufspalten. Wird angewendet, solange kein vollständiges ICH zur Verfuegung steht.

2. Projektion Übertragung der Missbilligung eigener Unzulänglichkeiten oder unmoralischer Wünsche auf andere Personen. (Borderline-Störung, aber auch Partner, Narzisst)

3. Regression Rueckzug auf eine fruehere Entwicklungsstufe mit primitiven Reaktionen und niedrigem Anspruchsniveau. (Borderline-Störung und Narzisst)

Eine Sonderform der ICH-Abwehr zur Entlastung von unertraeglichen Schuldgefühlen, die bestimmte schizophrene Symptome zur Folge haben kann:

  • ICH-Anachorese: Das ICH erlebt sich nicht mehr als Akteur oder Initiator, sondern bestimmt durch fremde Maechte
  • ICH-Mythisierung: Schuldentlastung durch Identifizierung mit einer archetypischen mythischen Figur

Das ICH in Verbindung mit seinen Abwehrmechanismen beinhaltet die ICH-Staerke - der Grad, mit welchem das ICH die Triebe (ES) unter Kontrolle hat.

Die ICH-Staerke bezeichnet:

  • Grad der Integration, Stabilitaet und Flexibilitaet der Person (ICH-Abwehr und deren Zusammensetzung, Angsttoleranz, Impulskontrolle, Denkorganisation und Sublimierungsfaehigkeit)
  • Grad der Realitaetsnaehe und Triebbefriedigungen in sozialen Beziehungen
  • Grad der symptomatischen Aeusserungen von innerpersoenlichen Fehlfunktionen
  1. Selbstbild - Wie sehe ich mich? (über das soziale Selbst, das vermutete Fremdbild)
  2. Selbstbewusstsein - Wer bin ich?
  3. Selbstwertgefühl - Was bin ich mir und anderen wert?
  4. Soziales Selbst - Abgleich mit dem Fremdbild (Wie sehen mich andere?)

Dieser Komplex Selbst (Korrelat) wird abgeglichen mit der Säule III des UEBER-ICH: dem Ideal-ICH und Ideal-Selbst.

Die ICH-Diskrepanz ist die Differenz zwischen Selbst und Ideal-ICH/Ideal-Selbst:

  • Je groesser die ICH-Diskrepanz, desto geringer das Selbstwertgefühl
  • Das Streben zur Verringerung der ICH-Diskrepanz bedeutet Selbstverwirklichung
  • Die ICH-Diskrepanz ist oft Ausgang neurotischer Spannungen

Das Selbstbild (Selbstkonzept) beinhaltet die Kognitionen und Gefühle, die man sich selbst gegenüber hat. Es entsteht durch:

  • Selbstbeobachtung der eigenen Erlebnisse und des eigenen Handelns
  • Verschiedene Formen der Beurteilung durch andere (Lob, Tadel, Aufwertung, Entwertung)

Das vermutete Fremdbild (“so sieht mich der andere”) ist ein konstituierender Teil des Fremdbildes. Im eigenen Fremdbild kommt ein sehr gefaehrlicher Teil hinzu: das vermutete fremde Selbstbild - wir glauben zu wissen, was der andere denkt und fuehlt.

Das Selbstwertgefühl ist eine Gestimmtheit des Selbst, mit dem der Mensch sich als Traeger eines Wertes erlebt. Seine Verneinung ist das Minderwertigkeitsgefühl.

Die Selbstsicherheit ist die Faehigkeit, in definierten mikrosozialen Konflikten ohne Angst mit adaequatem Verhalten zu reagieren. Sie wird auch als soziale Kompetenz bezeichnet.

Das Selbstvertrauen ist ein kraeftiges Eigenmachtgefühl (nicht Omnipotenz = Allmachtsgefühl), mit moeglichen Schwierigkeiten fertig zu werden. Bei naivem, übersteigerten Eigenmachtgefühl (Narzissmus) beruht das Selbstvertrauen auf einem Übersehen realer Hindernisse.

Die Selbstbeobachtung (Introspektion) bezeichnet die bewusst auf seelische Zustaende und Vorgaenge gerichtete Aufmerksamkeit. Sie ist mit der Selbsterkenntnis Grundlage einer Verhaltensaenderung.

Gefahren der Selbstbeobachtung:

  • Gefahr der Selbsttaeuschung
  • Schwierigkeit, gleichzeitig zu erleben und zu beobachten
  • Jede Beobachtung aendert das zu Beobachtende

Die Selbsterkenntnis bezeichnet die Hinwendung des Erkennens auf das eigene ICH - die Untersuchung des Selbst auf seine Eigenarten (eigenes Sein, Verhalten, Anlagen, Faehigkeiten, Einstellungen und Motivationen).

Das ES liegt im Unbewussten und beinhaltet die Triebe und Antriebe. Dies sind gewaltige Energien, die uns das tun lassen, was wir tun (wollen) oder sollten.

Lustprinzip

Das ES strebt nach der unmittelbaren und vollständigen Abfuhr seiner Triebenergien - sehr gut zu sehen bei der Borderline-Störung in ihrer sofortigen Triebbefriedigung.

Das UEBER-ICH besteht aus drei Säulen:

  • Reifes Gewissen - voll entwickeltes moralisches Urteilsvermoegen
  • Oedipales Gewissen - geprägt durch Elternimago und Leitbilder
  • Archaisches Gewissen - urspruenglich, nicht mehr reduzierbar

Das UEBER-ICH ist die hoechste der drei psychischen Instanzen, da es vom ICH unbedingte Erfuellung verlangt. Es besteht aus den verinnerlichten Normen und Werten und hat die Funktion eines Richters und Waechters übernommen:

  • Errichtung eines Wertesystems (Pflichten, Forderungen, Gebote, Verbote)
  • Ausrichtung des Verhaltens nach diesem Wertesystem
  • Ausschaltung nicht entsprechender Verhaltensweisen durch Selbstkritik und Triebeinschraenkung

Die internalisierten Objekte (verinnerlichte Elternbilder) sind massgeblich an der Entwicklung des UEBER-ICH beteiligt:

  1. Bezugspersonen 1. Ordnung (Elternimago) - Mutter und Vater verbinden sich in einem Bild
  2. Bezugspersonen 2. Ordnung (Leitbilder: Grosseltern, Onkel, Tanten)
  3. Die Gesamtheit beider

Diese Bloecke sind nicht mehr veraenderbar und werden als internalisiertes Objekt bezeichnet. Hier liegt die “Ursoftware” des Menschen.

Das UEBER-ICH entwickelt sich bereits keimhaft waehrend der:

  • Oralen Phase (0 - 1,6 Jahre)
  • Analen Phase (1,7 - 3 Jahre)
  • Fruehen genitalen Phase (3,1 - 6 Jahre) - wird durch Introjektion sozialer Gebote und Verbote zu einem autonomen Funktionssystem

ES: Lustprinzip

Strebt nach unmittelbarer und vollständiger Abfuhr der Triebenergien und grösstmöglichem Lustgewinn.

ICH: Realitaetsprinzip

Wandelt die aus dem ES stammenden Triebimpulse in ethische und soziale Forderungen ab. Bewahrt das Individuum vor Konflikten mit der Realitaet.

UEBER-ICH: Moralitaetsprinzip

Handelt nach Moral und sittlichen Gesetzesnormen (Gebote und Verbote). Verlangt unbedingte Erfuellung vom ICH.