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Psychodynamisches Modell - Depression

Bei der Depression zeigt sich eine charakteristische Konstellation: Das ICH ist “gekippt”, das Selbst ist “im Keller” und die ICH-Diskrepanz ist massiv vergrössert. Der Betroffene erlebt sich als wertlos, unfaehig und hoffnungslos.

Die Abwehrmechanismen (A) arbeiten bei Depression anders:

Introjektion

Aggression, die eigentlich nach aussen gerichtet wäre, wird nach innen gewendet - gegen das Selbst.

Regression

Rueckzug auf fruehere Entwicklungsstufen mit hilflosem, passivem Verhalten.

Identifikation mit dem Verlorenen

Bei Verlust wird das verlorene Objekt Teil des Selbst - und wird dann entwertet.

Verdraengung (insuffizient)

Schmerzhafte Inhalte können nicht mehr effektiv verdrängt werden.

Das Gewissen ist bei Depression oft übermässig streng:

  • Ständige Selbstvorwuerfe
  • Unangemessene Schuldgefühle
  • “Ich haette dies oder jenes tun sollen”
  1. Selbstbild - Negativ verzerrt (“Ich bin wertlos, unfaehig, eine Last”)
  2. Selbstbewusstsein - Zusammengebrochen (“Ich weiss nicht mehr, wer ich bin”)
  3. Selbstwertgefühl - Im Keller (“Ich bin nichts wert”)
  4. Soziales Selbst - Rueckzug (“Ich bin anderen nur eine Last”)
  1. Ausloeser: Verlust, Kraenkung, Überforderung
  2. ICH kippt: Die Balance geht verloren
  3. Selbst rutscht ab: Alle Selbst-Komponenten sinken
  4. ICH-Diskrepanz waechst: Abstand zum Ideal-Selbst vergrössert sich
  5. UEBER-ICH drückt stärker: Gewissen wird strenger
  6. ICH kippt weiter: Der Kreislauf verstaerkt sich

Ein zentrales Konzept der psychodynamischen Depressionstheorie:

SymbolBedeutung
AAbwehrmechanismen - veraendert/insuffizient
B1Kraefte aus Säule I und II - übermässig stark
B2Kraefte aus Säule III
CAbwehrenergien - erschöpft
A+CAbwehrhandlung
DVerbindung zum Selbst - das Selbst ist abgerutscht
E1, E2ES-Impulse - oft reduziert (Antriebslosigkeit)
GInversivgelenk
SymbolBedeutung
SBSelbstbeobachtung - oft übermässig negativ
SVergleich soziales Selbst mit Selbst
SESelbsterkenntnis - verzerrt
SFÜbergang Fremdbild - negativ gefiltert
SRSelbstregularien - beeintraechtigt
SSEinfluss soziales Selbst - nur negative Aspekte
ISICH-Diskrepanz - maximal vergrössert
VIVergleich - das Selbst erscheint wertlos
SymbolBedeutung
VIVergleich Ideal-ICH versus ICH-Ideal
UUrprägungen durch das Elternimago
B1Gesamtkraft aus Säule I und II - übermässig
B2Gesamtkraft aus Säule III

Reaktive Depression

Ausgeloest durch äussere Ereignisse (Verlust, Trauma, Überforderung)

Endogene Depression

“Von innen” kommend, oft ohne erkennbaren äusseren Ausloeser, biologische Komponente

Neurotische Depression

Auf dem Boden einer Persönlichkeitsstruktur (z.B. dependente PS)

Bei allen Formen zeigt sich eine ähnliche UEBER-ICH-Dynamik:

  • Strenges, strafendes Gewissen
  • Hohe, unerreichbare Ideale
  • Grosse ICH-Diskrepanz

Der Unterschied liegt in der Ursache dieser Konstellation:

  • Reaktiv: Durch äusseres Ereignis ausgeloest
  • Endogen: Biologisch bedingt
  • Neurotisch: Durch Persönlichkeitsstruktur angelegt

Bei Borderline treten häufig depressive Phasen auf, aber:

  • Diese sind oft reaktiv (auf Verlassenwerden, Kraenkung)
  • Sie wechseln schneller
  • Die Grundstruktur ist anders (fragmentiertes ICH)

Auch Narzissten können depressiv werden:

  • Wenn das grandiose Selbstbild zusammenbricht
  • Bei narzisstischer Kraenkung
  • Die Depression ist dann besonders schwer, weil das Selbst “nichts” mehr hat

Medikamente (Antidepressiva) können die biologische Komponente behandeln und dem ICH so mehr Energie zur Verfuegung stellen - aber die strukturellen Probleme erfordern Psychotherapie.