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Psychodynamisches Modell - Dependente Persönlichkeit

Betrachten wir das psychodynamische Modell der dependenten Persönlichkeit, dann sehen wir, dass das Mutter-Vater-Imago ein tragender Baustein im ICH-Ideal ist. Diese internalisierten Objekte gehen über in die Leitbilder und schlagen sich unter anderem im ödipalen UEBER-ICH (der tragende Baustein unter dem Gewissen) und in den Grössenphantasien (der tragende Baustein unter dem Ideal-ICH) nieder.

Zwischen Säulen I und II findet im Laufe der Entwicklung eine Kompensation statt, die sich dann in Gewissen und ICH-Ideal niedergeschlagen:

  • Eine überstarke Mutter als unterster Block der Säule I wird mit einem stärkeren Gewissen ausgeglichen
  • Eine schwache Mutter kann durch ein anderes internalisiertes Objekt in Säule II ausgeglichen werden

Im Falle der dependenten Persönlichkeit ist diese Verschränkung anders als bei Borderline oder Narzissmus - sie ist besonders stark ausgeprägt.

  1. Der Komplex Eltern-Imago + Leitbilder (Säule II) ist übermässig stark ausgeprägt
  2. Ein überstarkes, rigides Gewissen (Säule I) hat sich herausgebildet
  3. Die narzisstische Komponente (Säule III) ist zu schwach ausgebildet (resultierend aus den Einschränkungen/Verboten der Eltern und Leitbilder in der Kindheit)
  4. Der Abgleich (VI) funktioniert nicht richtig, da ICH-Ideal und Ideal-Selbst divergent ausgebildet sind

Die Folge davon ist, dass über die inversive Verbindung (D) das Selbstkorrelat nach unten rutscht, welches einem geringen Selbstwert-(Gefühl) / Selbstbewusstsein entspricht.

Das Selbstkorrelat enthält:

  1. Selbstbild - Wie sehe ich mich?
  2. Selbstbewusstsein - Wer bin ich?
  3. Selbstwertgefühl - Was bin ich mir wert?
  4. Soziales Selbst - Abgleich mit dem Fremdbild

Zwei Dinge passieren nun:

  1. Die ICH-Diskrepanz (IS) vergrössert sich - die Distanz zwischen Ideal-ICH/Ideal-Selbst und Selbst, welche das narzisstische Gleichgewicht ergibt

  2. Über die Rueckkopplung entsteht der Wunsch nach Liebe (zwischenmenschliche, partnerschaftliche Beachtung/Wertigkeit), welches wiederum ES-Impulse hervorruft

Die dependente Persönlichkeit versucht nun, ihr Selbst anzuheben, indem sie:

  • In der Beziehung alles für den Partner tut
  • Im sozialen Umfeld über das Soziale Selbst Bestaetigung sucht, welches beeinflusst wird über das Fremdbild

Durch die Entstehung der ES-Impulse drückt das ES von unten (E2) gegen das ICH. Da es für die dependente Persönlichkeit zu viele nicht annehmbare ES-Impulse gibt (bedingt durch das überstarke Gewissen und die überstarken Leitbilder), drückt das ES auf dem Weg des geringsten Widerstandes gegen das ICH.

Bedingt durch die (nicht annehmbaren) ES-Impulse muss sich das ICH schützen und setzt somit mit seiner Energie (C) die Abwehrmechanismen (A) in Gang:

Sublimierung

Befriedigung nicht erfuellter Wünsche durch gesellschaftlich akzeptierte Ersatzhandlungen - z.B. Arbeit

Reaktionsbildung

Angstbeladene Situationen werden vermieden durch Überbetonung gegenteiliger Verhaltensweisen

Kompensation

Frustration auf einem Gebiet wird durch Befriedigung auf einem anderen ausgeglichen

Rationalisierung

Versuch, sich einzureden, dass das eigene Verhalten verstandesmaessig begruendet ist

Ein nicht annehmbarer Triebimpuls - der Wunsch nach koerperlicher Liebe - drückt als Energie (E1) des ES gegen das ICH. Da Inge nicht gelernt hat, Intimitaet zuzulassen und das Wissen darum, dass “ihr Selbst” aus der Waage geraet, entsteht Angst.

Die Angst auf der einen Seite und der Druck, den jetzt das ICH auf das Gewissen (Säule I) des UEBER-ICH ausuebt, veranlasst das ICH wiederum zur Abwehr mit Abwehrhandlungen (A+C).

In Inges Fall ist es die Sublimierung (die Arbeit), welches im reinen Gewissen zum UEBER-ICH steht und noch dazu das Selbst anhebt. Da der Mensch aber nicht immer ES-Impulse abwehren kann (und nach Freud auch gar nicht soll), werden nur die für Inge annehmbaren Teile des Triebimpulses durchgelassen.

Alternative Reaktionen:

  • Negierung: Der Triebimpuls wird ins Gegenteil verkehrt (“Ich will und brauche so etwas nicht”)
  • Substitution: Übertragen auf eine andere Person (z.B. den Sohn) in Form der Sublimierung

Anhand der UEBER-ICH-Problematik der dependenten Persönlichkeit sehen Sie nun auch den Grund, warum die dependente Persönlichkeit dazu neigt, ihr Selbstwertgefühl zu verneinen:

Die UEBER-ICH-Problematik der dependenten Persönlichkeit ist auch der Grund ihrer Vulnerabilitaet (Anfälligkeit) für Depression:

  • Der ständige Druck des UEBER-ICH erschöpft die Ressourcen des ICH
  • Das niedrige Selbstwertgefühl ist ein Risikofaktor
  • Die Abhängigkeit von anderen macht verletzlich bei Verlust

Dependente Persönlichkeit

  • Schwacher Narzissmus
  • Überstarkes Gewissen (Säule I)
  • Überstarke Leitbilder (Säule II)
  • Niedriges Selbstwertgefühl
  • Echte emotionale Abhängigkeit
  • Kann lieben

Narzisstische Persönlichkeit

  • Pathologischer Narzissmus
  • Schwaches Gewissen (selektiv)
  • Überstarke Säule III
  • Aufgeblähtes Selbstwertgefühl
  • Abhängigkeit nur zur Spiegelung
  • Eingeschraenkte Liebesfaehigkeit

Sie haben nun gesehen, wie der “Regelmechanismus” der Psyche in der dependenten Störung greift. Die Problematik kann nicht an einem “Teil” festgemacht werden - nicht am UEBER-ICH, ICH, ES oder Selbst, nicht einmal an den Abwehrmechanismen.

Es steht ausser Frage, ob Medikamente in diesem Fall heilen oder helfen können. Sie können allenfalls, z.B. im Fall der Depression, eine unterstuetzende Wirkung liefern.

SymbolBedeutung
VIVergleich Ideal-ICH / Ideal-Selbst versus ICH-Ideal / Ideal-Objekte
UUrprägungen durch das Elternimago
B1Gesamtkraft aus Säule I und II auf das ICH - übermässig stark
B2Gesamtkraft aus Säule III auf das ICH - zu schwach
SymbolBedeutung
AAbwehrmechanismen des ICH
B1Kraefte aus Säule I und II - drücken überstark
B2Kraefte aus Säule III
CAbwehrenergien (ICH-Triebe)
A+CAbwehrhandlung (z.B. Sublimierung)
DStarre Verbindung mit Inversivgelenk (G) zum Selbst
E1, E2ES-Impulse, Triebenergien
GInversivgelenk
SBSelbstbeobachtung, Introspektion
SVergleich soziales Selbst mit Selbstbild
SESelbsterkenntnis
SFÜbergang Fremdbild in das soziale Selbst
SSAnhebung des Selbstwertgefühls über das soziale Selbst
SRSelbstregularien
ISICH-Diskrepanz, narzisstisches Gleichgewicht - vergrössert
VIVergleich - funktioniert nicht richtig