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Opiate

  1. Substanzgruppe der Opiate
  2. Historisch-medizinische Perspektive
  3. Wie entsteht Schmerz?
  4. Pharmakodynamik und -kinetik
  5. Applikationsformen
  6. Toleranz
  7. Entzug
  8. Problematisierung

Die Opiate bilden eine breite Substanzgruppe:

Natürliche Opiate:

  • Opium (aus dem Schlafmohn)
  • Morphin
  • Kodein

Halbsynthetische Opiate:

  • Heroin (Diacetylmorphin)

Vollsynthetische Opiate:

  • Methadon
  • Fentanyl
  • Polamidon
  • Buprenorphin

Die Bestrebungen europäischer Mediziner im 19. Jahrhundert, die unerwünschten Nebenwirkungen des Opiums zu modifizieren und nur die positiven Wirkungen nutzbar zu machen, führten zu einem fortlaufenden Reinigungsprozess.

JahrEntwicklung
1803Apotheker isoliert erstmals Morphin aus dem Schlafmohn
~1840Arzt Levin weist auf mögliche Toleranz/Abhängigkeit hin (stiess auf grossen Widerstand)
1898Firma Bayer gewinnt Heroin als halbsynthetisches Opiat
SpäterEntwicklung vollsynthetischer Opiate (Methadon, Fentanyl etc.)

Morphin gilt bis heute als das wirksamste Analgetikum (schmerzstillendes Medikament).


Der Körper registriert einen Schmerzimpuls, der über das Rückenmark zum Gehirn weitergeleitet wird:

  1. Schmerzimpuls aktiviert Nervenzellen
  2. Freisetzung der Transmitter Glutamat und Substanz P
  3. Weiterleitung durch das Rückenmark ins limbische System (Gefühlsverarbeitung)
  4. Als Schutzreaktion: Ausschüttung körpereigener Morphine (endogene Analgetika)

Dieser Vorgang wird als “neuronale Feedbackschleife” bezeichnet:

Schmerzempfindung → Rückenmark → Limbisches System → Rückenmark → Schmerzort

Im Gegensatz zu anderen Schmerzmitteln, die lokal wirken, beeinflussen Opiate das Nervensystem. Der Effekt von Morphin liegt nicht darin, Schmerz vollständig zu eliminieren, sondern eine affektive Dynamik zu erzeugen:

Schmerzen erscheinen den Betroffenen aushaltbarer, erträglicher oder ihnen gleichgültig.

Agonistische Opiate (z.B. Heroin, Morphin):

  • Ahmen die analgetische Dynamik der Endorphin-Botenstoffe nach

Opiat-Antagonisten (Naltrexon, Naloxon):

  • Besetzen Endorphinrezeptoren und heben so die Wirkung exogener Opiate auf

Opiatsubstanzen entfalten ihre Wirkung als:

  • Analgetikum (schmerzstillend)
  • Sedativum (beruhigend)
  • Anxiolytikum (angstlösend/-hemmend)
  • Euphorikum (euphorisierend)

Gleichzeitig provozierte Körperreaktionen:

  • Pupillenverengung
  • Atemdepression (Verengung der Bronchien)
  • Depression der Darmperistaltik

Opiate beeinflussen nicht nur körperliche Schmerzen positiv, sondern erzeugen auch bei psychischen Schmerzen einen angenehm empfundenen Entspannungs- oder Euphoriezustand.


ApplikationsformResorption
Oral / Rektal (Zäpfchen)Langsam
Intravenös (z.B. Heroin, Morphin)Innerhalb von Sekunden/Minuten
Inhalieren / RauchenIn wenigen Minuten

Weitere medizinische Anwendung:

  • Periduralanästhesie (PDA) - Rückenmarksbetäubung bei Geburten und Operationen
  • Opiate werden schnell zu Morphin und Kodein metabolisiert (Heroin in 3-5 Stunden)
  • Ca. 3-4 Tage sind Opiatmetaboliten nachweisbar
  • Testverfahren lassen keinen Rückschluss auf konkrete Substanzen zu

Opiatabhängigkeit äussert sich im Verlangen nach höheren Dosen und weist folgende Mechanismen auf:

  • Der Organismus erhöht die Zahl opiatabbauender Enzyme
  • Die Empfindlichkeit der Opiatrezeptoren nimmt ab
  • Kreuztoleranz mit anderen Opiaten entwickelt sich (bis zur letalen Dosis)

Psychische Mechanismen (Verhaltenskonditionierung)

Abschnitt betitelt „Psychische Mechanismen (Verhaltenskonditionierung)“

Erfahrungen und damit verbundene Gefühle werden mit Hilfe der Opiatwirkung getriggert (ausgelöst). Gegenwärtige Gruppenerlebnisse während der Opiateinnahme prägen Wahrnehmung und Verhalten.

Die Speicherung vollzieht sich durch eine spezifische Transmitterkonzentration - es entstehen neue neuronale Verknüpfungen, die emotionale Erinnerung möglich und abrufbar machen.

Die durch Opiate ausgelöste Ekstase verbunden mit den Setting-bezogenen Erfahrungen löst die Motivation aus, den Rausch zu wiederholen.


Die Konsequenzen des Entzugs werden von Betroffenen als die gegenteilige Wirkung der Opiate erlebt:

Psychisch:

  • Intensive psychische Schmerzen
  • Ängste
  • Depressionen
  • Appetitlosigkeit
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • “Craving” (Drogengier)

Körperlich:

  • Intensive körperliche Schmerzen
  • Übelkeit, Erbrechen
  • Durchfall
  • Atemprobleme
  • Akute Entzugssymptome: Einige Tage bis Wochen
  • Protahierte Abstinenzsymptome (Depressionen, Craving): Noch ca. ein halbes Jahr lang
  • Verlust der Bezugsgruppe
  • Soziale Isolation

Persönlichkeitsstrukturelle Faktoren können psychische Abhängigkeiten erleichtern:

  • Geringe Frustrationstoleranz (geringere psychische Belastbarkeit bei Konflikten)
  • Vermeidung der Auseinandersetzung mit psychischen Konflikten
  • Die Aussicht, “auf Knopfdruck” entspannt und glücklich zu sein

Das Beispiel des massiven Konsums von “Prozac” (in Deutschland: Fluctin) in den USA zeigt, dass nicht nur das Set eine Auswirkung hat, sondern auch die Gesellschaft.

Psychische Probleme gelten nicht als normale Reaktion auf belastende Lebenssituationen, sondern als unerwünschte Schwäche. Es findet eine soziale Stigmatisierung und Pathologisierung statt, die nach einer schnellen und billigen “Lösung” verlangt:

  • Probleme werden unsichtbar gemacht
  • Menschen verhalten sich “normal” und angepasst
  • Pharmakonzerne verdienen viel Geld
  • Der Staat spart an psychosozialer Unterstützung