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Kokain und Crack

  1. Interkulturelle Geschichte
  2. Chemische Aufbereitung
  3. Pharmakokinetik und Applikationsformen
  4. Subjektive Wirkungserscheinungen
  5. Physiologisches Wirkungsbild
  6. Chronischer Gebrauch
  7. Kokain als Gesellschaftsdroge

Kokain ist ursprünglich eine pflanzliche Droge, die aus der Kokapflanze gewonnen wird, welche vorwiegend in Latein- und Südamerika beheimatet ist.

Bereits 1300 Jahre vor unserer Zeitrechnung kauten die Indios die Blätter dieser Pflanze. Im Kontext der Inkakultur waren die Kokablätter als Geschenk des Sonnengottes nur den wichtigsten Personen eines Stammes (vor allem Priestern) vorbehalten.


Kokain ist wie alle psychoaktiven Drogen ein Alkaloid und kann auf verschiedene Arten verarbeitet werden:

  • Durch Zerkleinerung der Kokablätter
  • Ca. 70% Wirkstoffgehalt
  • Sehr stark toxisch
  • Chemische Aufbereitung der Blätter
  • Zum Verkauf oft gestreckt mit Backpulver oder Abführmitteln
  • Ca. 20-30% des Ausgangswirkstoffs im Strassenkokain
  • Chemische Umwandlung in basische Form
  • In Äther aufgelöst
  • Höhere Wirkstoffkonzentration
  • In Backpulver gekocht
  • “Kügelchenförmige” Substanz
  • Name von den “knackenden” Geräuschen bei der Herstellung
  • Wird meist geraucht

ApplikationZeit bis zur WirkungDauerSubstanzgehaltBioverfügbarkeit
Oral (Kauen)30-60 Min.90 Min.0,5-1%25%
Nasal2-4 Min.30-45 Min.20-80%20-30%
Intravenös30-45 Sek.20-30 Min.20-80%100%
Inhalation/Rauchen8-10 Sek.5-10 Min.80-100%30%

Je schneller die Droge in die Blutbahn gelangt, desto intensiver ist der “Kick”.

Das Kauen der Kokablätter (orale Aufnahme) bringt eine langsame Wirkung ohne “Kick”. Bei intravenöser Applikation ist der Wirkungsgrad am höchsten.

  • Kokain ist lipidlöslich - kann die Bluthirnschranke ungehindert durchdringen
  • Biologische Halbwertszeit: ca. 30 Minuten
  • Toxische Dosis: 1-2 mg/kg Körpergewicht (kann letal sein oder schwere Schäden verursachen)
  • Nachweisbarkeit im Urin: 3-5 Tage (bei Dauerkonsumenten 15-22 Tage)

Kokain blockiert die Transportermoleküle für Dopamin und verhindert die Wiederaufnahme in die Nervenzellen. Dopamin dockt somit immer wieder von Neuem an den Rezeptoren an.

Resultat: Eine Reizüberflutung, die das euphorische Glücksgefühl erklärt.

Bei Dauerkonsumenten verringert der Körper die Dopaminproduktion. Wird der Konsum eingestellt, tritt ein Dopaminmangel auf - mögliche Ursache für Depressionen und Reizbarkeit (“Down-Erscheinung”).


Positive Wirkungen (variieren je nach Persönlichkeit):

  • Positive Verhaltensverstärkung
  • Gesteigerte Aktivität (motorisch und geistig)
  • Stimmungsaufhellung bis Euphorie
  • Übersteigertes Selbstwertgefühl
  • Erhöhter Wachheitsgrad
  • Hohe Alkoholverträglichkeit
  • Ausbleiben von Hunger- und Durstgefühl
  • Anregende Wirkung auf die Libido

Unerwünschte Wirkungen:

  • Angstzustände
  • Paranoia
  • Überreizung
  • Aggressivität
  • Ess- und Schlafstörungen

Das physiologische Wirkungsbild entspricht einer Stresssituation - der Körper wird “künstlich” in “Alarmbereitschaft” versetzt:

  • Gespannte Muskeln
  • Gesteigerte Durchblutung
  • Höherer Pulsschlag
  • Erweiterte Pupillen

“Flight, Fight and Fright” - Flucht-, Kampf- und Angstreaktion.


Bei chronischem Gebrauch treten neben psychischer Abhängigkeit (Craving) auf:

  • Depressionen
  • Angstzustände
  • Ratlosigkeit (“drug seeking behaviour”)
  • Erhöhtes Schlaganfallrisiko bei Bluthochdruck
  • Herzrhythmusstörungen
  • Krampfanfälle

Der Zustand dauernder Alarmbereitschaft kann zu starken neuronalen Schädigungen führen:

  • Senkung der Reizschwelle
  • Überreaktionen schon bei kleinen Reizen

  • Ende 19. Jahrhundert: Kokain galt als “Wundermittel” (auch Freud behauptete magische Fähigkeiten)
  • Coca-Cola: Enthielt ca. 200 mg Kokain pro Liter
  • 1914: Erstes offizielles Verbot zum nicht-medizinischen Gebrauch in den USA
  • 1924: Regulierung der Menge in Medikamenten
  • 1920er Jahre: “Kokainwelle” unter der Bohème in Europa
  • 1970er Jahre: Revival als “Modedroge”
  • 1980er Jahre: Crack gewinnt an Beliebtheit, Verjüngung des Konsumentenkreises

Crack ist eher als “Strassendroge” anzusehen:

  • Intensivere Wirkung als Kokain
  • Oft exzessiver Konsum
  • Hohe Gefahr des Kontrollverlustes

Kokain könnte als “saubere Droge der kapitalistischen Leistungsgesellschaft” bezeichnet werden:

  • Kann moderat konsumiert werden
  • Ohne Dosissteigerung möglich

Der Mensch soll innerhalb des Systems “funktionieren” - ob in Arbeit oder Freizeit. Er steht unter dem Zwang einer Gesellschaft, in der negative Gefühle (Erschöpfung, Traurigkeit, Pessimismus) keinen Platz zu haben scheinen.

Dieser Druck kann zum einen Grund für steigende Drogenkonsumentenzahlen sein (“Kokain als Leistungsdroge”), zum anderen scheint Kokain Teil einer “subkulturellen Identität” zu sein - eine Doppeldeutigkeit von Kokain.