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Neuronale Netzwerke

Neuronale Netzwerke bilden die Grundlage aller psychischen Prozesse. Sie ermöglichen Erinnerungen, Emotionen und Verhaltensweisen. Das Verständnis ihrer Funktionsweise hilft zu erklären, warum bestimmte Trigger so starke Reaktionen auslösen können.

Was passiert im Gehirn, wenn wir uns erinnern - zum Beispiel an das Gesicht eines Ex-Partners?

Ein spezielles Gesicht entspricht im Gehirn einer ganz bestimmten Kombination vieler Nervenzellen - einer Netzwerkstruktur, die durch ein Signal (Trigger) gemeinsam feuert. Dieser Trigger kann jemand sein, der ähnlich geht, riecht oder aussieht. Das Signal muss dabei nicht einmal bewusst aufgenommen werden.

Wenn dieses Netzwerk feuert, wird eine ganze Kaskade von Empfindungen, Bildern und Reaktionen ausgelöst:

  1. Netzwerk aktiviert sich - Die spezifischen Neuronen beginnen zu feuern
  2. Limbisches System reagiert - Dort gespeicherte Emotionen werden aktiviert
  3. Hormone werden ausgeschüttet - Neurotransmitter aktiviert
  4. Körperliche Reaktionen - Über Sympathikus und Parasympathikus (Schwitzen, Angst, Zittern, erhöhte Herzfrequenz)

Es kann bis zu 4 Sekunden dauern - unter Umständen sogar Minuten - bis Ihr Grosshirn verarbeitet hat, dass es nicht der Ex-Partner ist. Das liegt daran, dass das limbische System das Grosshirn zunächst blockiert, während biochemische Reaktionen ausgelöst werden.

Dieser Vorgang verhält sich bei Borderline-Betroffenen genauso. Ihre Netzwerke werden durch Trigger aktiviert, und so reicht eine Situation aus, um Kindheit und Vergangenheit wieder aufleben zu lassen.

Dies erklärt auch, warum es nach einer Borderline-Beziehung so schwer fällt, Gewesenes zu vergessen: Kleinste Auslöser reichen aus, um neuronale Netzwerke feuern zu lassen, die auf bestimmte Erfahrungen programmiert sind.


Eine biologische Nervenzelle besteht aus mehreren Komponenten:

BestandteilBeschreibungFunktion
SomaZellkörperEnthält den Zellkern und die grundlegenden Zellorganellen
DendritenKurze Leitungen (ca. 0,4 mm)Empfangen Reize von anderen Nervenzellen
AxonLange Leitung (mm bis mehrere Meter)Leitet Signale an andere Zellen weiter
SynapsenKontaktstellenVerbindung zwischen Axonen und Dendriten

Wird das Soma über einen gewissen Schwellwert hinaus über die Dendriten angeregt, erzeugt die Zelle einen kurzzeitigen elektrischen Impuls (Spike). Dieser wird vom Axon an andere Zellen übertragen.

Da Dendriten und Axon stark verästeln, entstehen die hohen Verbindungszahlen biologischer Nervensysteme. Jedes Neuron kann mit Tausenden anderen verbunden sein.

Jeder Dendrit, jedes Endköpfchen ist auf etwas Bestimmtes programmiert. Im Zusammenspiel gewisser Neuronen ergibt sich ein Bild und eine Reaktion.

Ein einfaches Experiment: Schliessen Sie die Augen und sagen Sie 10x laut: “Ich denke jetzt nicht an ein grosses Tier mit langem Rüssel und grossen, sich bewegenden Ohren.”

Was haben Sie gesehen? Einen Elefanten. Das liegt daran, dass Neuronennetzwerke angesprochen wurden, die auf das Bild des Elefanten programmiert sind - obwohl Sie das Gegenteil wollten.

Dies erklärt auch, warum wir nur sehen können, was wir zulassen bzw. was unser Gehirn vorgibt.


Die Verbindung zweier Neuronen erfolgt über Synapsen. Diese Verbindung ist nicht statisch.

Signale werden von einem Neuron zum anderen mit Hilfe von Neurotransmittern übertragen:

  • Acetylcholin
  • Serotonin
  • Dopamin
  • Adrenalin
  • Noradrenalin

Diese werden von den synaptischen Bläschen in den synaptischen Spalt ausgeschüttet und vom nachfolgenden Neuron über die postsynaptische Membran aufgenommen. Sie docken dort an entsprechende Rezeptoren an und lösen wiederum elektrische Aktivität aus.

Nicht benötigte Transmitter werden vom ausschüttenden Endköpfchen wieder aufgenommen, um für die nächste Aktivität zur Verfügung zu stehen.

Dieser synaptische Lernvorgang ist entscheidend bei der Entstehung jeglicher Süchte:

  1. Der “Stoff” muss vermehrt zugeführt werden, um die erforderliche Ausschüttung zu erreichen
  2. Irgendwann verlernen die Synapsen, ohne Hilfsmittel die entsprechende Menge an Transmittern zur Verfügung zu stellen
  3. Gewöhnung führt zu immer höheren Dosen

Das gleiche Prinzip gilt für Beziehungssucht: Das Wechselspiel zwischen “gut” und “schlecht” in einer instabilen Beziehung ist ein neuronaler biochemischer Wechselvorgang, der nur so lange gehen kann, bis die Synapsen im wahrsten Sinne des Wortes durchknallen (Psychose, Depression, suizidale Krisen).


Sogenannte Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), MAO-Hemmer (Monoaminoxidase), SNRI und andere greifen in den synaptischen Spalt ein:

  • Sie verzögern die Wiederaufnahme gewisser Transmitter
  • Serotonin, Noradrenalin oder Dopamin stehen länger zur Verfügung
  • Dies wirkt der Depression entgegen
MedikamentenklasseWirkmechanismusBetroffene Transmitter
SSRIHemmt Serotonin-WiederaufnahmeSerotonin
SNRIHemmt WiederaufnahmeSerotonin, Noradrenalin
MAO-HemmerHemmt AbbauenzymSerotonin, Noradrenalin, Dopamin

Es gibt zwei grundlegende Arten von Synapsen:

Diese tragen zur Anregung des Somas bei. Sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass das nachgeschaltete Neuron feuert.

Diese wirken hemmend auf das nachgeschaltete Neuron. Sie verringern die Wahrscheinlichkeit einer Aktivierung.

Das Zusammenspiel beider Typen ermöglicht die feine Steuerung neuronaler Aktivität und verhindert unkontrollierte Erregungsausbreitung.