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Fallbeispiel M - Teil 4

Irgendwann kam die Zeit, an der sich M. vom Elternhaus lösen musste. Sie entschloss sich für ein Studium. So verlor sie “Vater”, wie sie ihn sah, und Mutter. M. hatte, so gesehen, für sich nur zwei Probleme:

  • a) sah sie sich als nicht liebenswert (erfüllte mittlerweile alle Punkte der Borderline-Störung nach ICD-10 mit Unterpunkten)
  • b) hatte sich die Anorexie bereits verselbstständigt

Um in dieser neuen kalten Welt bestehen zu können und zu bekommen, was sie schon immer suchte (Liebe), griff sie unbewusst zu einer Strategieentwicklung. Innerhalb kurzer Zeit war sie auf dem Campus bekannt als die Frau, mit der man… Sie wissen schon. Was dahinter für sie steckte, merkte natürlich niemand.

Bedingt durch die Borderline-Störung erkannte sie sehr schnell, dass Sex ein Mittel ist, das vieles für sie ausglich. Wobei bei M. mehrere Aspekte Berücksichtigung finden:

  • Sich zu fühlen
  • Sich geliebt zu fühlen
  • Spannungsabbau
  • Ausfüllen der inneren Leere
  • Manipulatives Bindungsverhalten, Kontrolle, Macht
  • Be-Achtung (Selbstwertgefühl)

M. merkte sehr schnell, dass diese Dinge nur kurzfristig helfen. In dieser Zeit griff sie auch kurzfristig auf eine Heirat zurück, deren Dauer leider 8 Wochen nicht überschritt. Natürlich war sie nicht schuldig am Ende.

Und ihr Gehirn griff auf eine alte Strategie zurück: “Wann wurde ich umsorgt und geliebt und stand im Mittelpunkt?”

Wenn ich krank war.

Hier bildete sich jetzt die Hypochondrie heraus. Auch diese war über die Jahre mit steigender Manifestation der Anorexie schon latent vorhanden.

Die Borderline-Störung und das Bild des Vaters liessen sie, zumindest ab Studium, sehr schnell die Droge Alkohol entdecken. Bedingt durch die Borderline-Störung verlor sie sehr bald das Mass dafür und entwickelte ein Suchtverhalten.

Der Alkohol half ihr in vieler Hinsicht:

  • Er füllte die innerliche Leere
  • Sie konnte gelöst sein
  • Reduzierte die inneren Spannungen
  • Verschob die Realität
  • Dämpfte die Schuldgefühle

Schuldgefühle zum einen aus ihrer Kindheit, zum anderen, ihren Körper immer wieder hergeben zu müssen auf der Suche nach Liebe, Erlösung durch den Froschkönig. Der Frosch, den sie fand, war immer irgendwie komisch.

Der Alkohol steigerte natürlich das Verhaltensmuster der Borderline-Störung in extreme Richtungen. Des Weiteren erfüllte er eine wichtige Funktion im Sinne der Anorexie: Überbrückung des Hungergefühls.

Und so kam, was kommen musste: ein Zusammenbruch mit 34/35. Bedingt durch äussere soziale Umstände, erfolgte Abtreibung, beendete Beziehungen, griff sie zur Arbeit, Alkohol in extremem Masse, gefolgt vom Nicht-Essen (Anorexie) und dem Griff zu Schmerzmitteln bedingt durch die Hypochondrie.

Von seelischen bis hin zu psychosomatischen Beschwerden, körperlichen Schmerzen zeigte M. nun alles, was in irgendeiner Form vorhanden hätte sein können. Der Körper, die Seele spielten nicht mehr mit, und es erfolgte eine Aufnahme in die psychiatrische Klinik.

M. hatte im Laufe der Zeit sehr gut gelernt, Symptomatiken zu verstecken, und so wurde sie zwar behandelt, aber wieder nicht auf die Ursachen. Man erkannte zwar die Suchtproblematik und die Anorexie, doch mehr nicht.

Nehmen wir einen Tag von M.

Wie die meisten Borderliner ist sie sehr leistungsbezogen und konnte sich über ihren Beruf identifizieren. Mehr blieb ihr ja auch nicht. Oft sass sie da und weinte, weinte aus einem tiefen inneren Schmerz heraus und fragte sich “warum werde ich nicht geliebt?”

Sie steht um 6:00 Uhr morgens auf und hatte sich den Abend vorher 1,5 Flaschen Prosecco gegönnt. Sagen wir, sie hat 5 Stunden geschlafen, ist also gegen 0:00 Uhr zu Bett gegangen. Sie lag also irgendwo bei 1,6-1,8 Promille und benötigte somit ca. 19 Stunden, um 0,0 Promille zu erreichen. Sie lag also am Morgen noch ca. bei 1,1 Promille. Für M. war das kein Problem, war schon Schlimmeres gewohnt.

Es gab keinen Tag, an dem M. nicht aufstand und nicht eine Krankheit oder Beschwerde hatte. Einige Beispiele:

  • Rückenschmerzen
  • Nierenbeckenentzündung
  • Kopfschmerzen
  • Sehnenscheidenentzündung
  • Unterleibsschmerzen
  • Vaginale Infektion
  • Durchfall
  • Hautbrennen
  • Wanderniere
  • Schwächezustand
  • Frieren, Schwitzen bei Normaltemperaturen
  • Gebärmutterhalskrebs, der kam und wieder verschwand (er kam, wenn sie die Rückzugsphasen antrat, und ging in den Idealisierungsphasen)
  • Sehnenzerrungen
  • Magenschmerzen
  • Schuppenflechte (die nie da war)
  • Augenbrennen
  • Nackenschmerzen

Es gab keine Krankheit, die M. nicht an irgendeinem Tag hatte. Sprach man sie daraufhin an, tickte sie vollkommen aus und bekam einen ihrer üblichen Wutausbrüche.

Der momentane Krankheitszustand rechtfertigt die Einnahme von Schmerzmitteln. Viele Schmerzmittel enthalten Morphine bzw. Morphinderivate/Opiumderivate. Sie sind synthetisch und vergleichbar mit körpereigenen Morphinen (Endorphine). Die synthetischen Morphine docken an die gleichen Rezeptoren an wie die körpereigenen.

Nachdem M. ja Schmerzen hatte bzw. krank war, wurde die Einnahme von Schmerzmitteln vollkommen legitim für sie. Und hier kommen wir zur besagten Wasserflasche, die zwei Funktionen erfüllte:

  1. Sie stillte das Schluckbedürfnis
  2. Der trockene Mund wurde befeuchtet (Morphine haben die Eigenschaft, Mundtrockenheit hervorzurufen)

Und wenn es M. “mal ganz schlecht ging”, in Form dass sie zerschlagen und kaputt war, aber trotzdem ihre Leistung erbringen musste, gab es da noch die Amphetamine, die zumindest kurzfristig puschen und natürlich als Appetitzügler fungieren.

M., ein Mensch, der seit Kindheit an ungeheuren inneren Spannungen, ob bewusst oder unbewusst, ausgesetzt ist, überdimensionale Leistungen erbringen muss und erbringt, hat somit Überlebensstrategien entwickelt:

StrategieFunktion
HypochondrieMitleid, Liebe bekommen, im Mittelpunkt stehen
AnorexieVerselbstständigt, bildet das “Bild der schlanken Frau”
SexSpannungsabbau, innere Leere füllen, sich fühlen, geliebt werden, Bindungsmanipulation
AlkoholEntspannung, Realitätsverschiebung, Hungergefühl überbrücken
MedikamenteSchmerzlinderung, Überbrückung, Leistungssteigerung

Alle drei Störungen sicherten M. somit das Überleben ihrer Seele.

Das selbstschädigende Verhalten von M. hatte somit enorme Ausmasse erreicht.

Nun werden Sie sich fragen, ob eine Beziehung mit M. überhaupt möglich ist.

Sie ist es, die Frage ist nur: wie lange?

Die Antwort können Sie sich selbst geben.