Fallbeispiel M - Teil 3
Die Entwicklung der Störung
Abschnitt betitelt „Die Entwicklung der Störung“Aber zurück zu M. (M. mit dem Teddy und den Sternenaugen)
Gehen wir in die Vergangenheit und schauen uns an, wie und warum diese drei Störungen (oft getrennt voneinander auftretend oder einzeln) doch hier als Bild der Gesamtstörung entstehen und sich entwickeln konnten.
Die Familie
Abschnitt betitelt „Die Familie“M. wurde als jüngstes von zwei Mädchen in eine “normale” Familie geboren. “Normal” deshalb, weil nur nach aussen. Innerhalb liebten sich Mutter und Vater zu diesem Zeitpunkt nicht mehr und bildeten mehr oder weniger eine Zweckgemeinschaft.
Wir müssen hier also einen kurzen Sprung zu den Eltern machen. Der Vater liebte die Mutter, doch die Mutter den Vater nicht mehr. Fakt ist, dass es starke Spannungen zwischen Mutter und Vater gab, die der Vater versuchte nicht auf die Kinder zu übertragen. Die Mutter extrovertiert-impulsiv, der Vater introvertiert-zurückhaltend, ruhig.
Der Vater wünschte sich ein Kind, welches später M. wurde, doch einen Jungen. Die Mutter dagegen unter keinen Umständen, sie wollte gar kein Kind.
Der Beginn der Katastrophe
Abschnitt betitelt „Der Beginn der Katastrophe“Hier beginnt die Katastrophe für M., obwohl noch nicht geboren. Wichtig ist das “Nein” der Mutter gegenüber der Schwangerschaft. Dieses “Nein” übertrug sie unweigerlich auf M. (noch ungeboren). Hier ist nicht die Rede vom verbalisierten “Nein”, sondern von der Einstellung. Noch dazu kommen die elterlichen Spannungen, die sich unweigerlich auf das Ungeborene übertragen.
M. wurde im Frühling geboren, einer der schönsten Jahreszeiten. Irgendwie erschien ihr späteres Leben, als ob sie ständig auf der Suche danach ist oder im Frühling leben will.
Die fehlende Symbiose
Abschnitt betitelt „Die fehlende Symbiose“Anzunehmen ist mit grosser Sicherheit, dass die Mutter nach der Geburt befreit “von dem Ding” war, was sie nicht wollte. Da die Mutter schon einmal gebar (M.s Schwester), die später auch eine grosse Rolle spielt, konnte die Mutter nicht dieses einschneidende Erlebnis wie in der ersten Geburt haben.
Sicher ist, dass die Mutter von M. die Symbiose hätte eingehen müssen, was sie nicht tat. Sie zeigte M. entweder ein starkes ablehnendes Verhalten “du bist nicht gewollt” oder eine starke Ambivalenz. Beides ist für das Kleinkind eines und dasselbe.
Wir wissen, dass das Kind zwischen 9-12 Monaten nicht zwischen Du und Ich bei der Mutter unterscheiden kann. Es bildet immer noch eine Einheit mit der Mutter. So ist es zu verstehen, dass sobald die Mutter sich entfernt, es Todesangst verspürt, da sich ein lebensnotwendiger Teil entfernt.
Genau an diesem Punkt wurde die Grundlage der Borderline-Störung für M. gelegt, die sich in den nächsten 3-4 Jahren manifestieren sollte.
Die Rolle des Vaters
Abschnitt betitelt „Die Rolle des Vaters“Für das Kind spielt der Vater erst ab dem 3,5-4. Lebensjahr eine entscheidende Rolle. Alles, was ein Mensch zwischen dem 0-4. Lebensjahr erlebt, was ihn prägt, egal in welcher Hinsicht, ist nicht mehr rückgängig zu machen. Es ist nicht zu reparieren.
Sicher ist also, dass die Mutter gegenüber M. ein starkes ambivalentes Verhalten zeigte, vielleicht sogar vollkommene Ablehnung. M. musste aber mit “ansehen”, wie ihre ältere Schwester geliebt wurde (von der Mutter, später auch vom Vater). M. konnte somit keinen höherentwickelten Verarbeitungsmechanismus als die Spaltung entwickeln.
Die genitale/ödipale Phase
Abschnitt betitelt „Die genitale/ödipale Phase“Nun kommt der Eintritt des Vaters in die Entwicklung von M., der in den folgenden Jahren eine tragende Rolle spielen sollte. Wir erinnern uns, dass der Vater ja einen Jungen haben wollte und kein Mädchen.
M. befand sich im 3-4. Lebensjahr (genitale Phase). Da M. von der Mutter nicht das bekam, was sie hätte bekommen müssen, blieb M. nichts anderes übrig, dieses Bedürfnis nach Liebe auf den Vater zu übertragen. Hinter der Aussage des Kindes M. steht die Aufforderung “liebe mich, wie ich hätte geliebt werden müssen”.
An diesem Punkt der Entwicklung entstanden für M. ungeheure Konflikte.
Die Konflikte
Abschnitt betitelt „Die Konflikte“- a) Der Bedürfnistransfer von Mutter auf Vater, verbunden mit der gleichzeitigen Angst, die Mutter zu verlieren
- b) Auf der Seite des Vaters, der sich ja einen Jungen wünschte
- c) Auf der Beziehungsseite der Eltern
- d) Das Ansehen, wie ihre Schwester geliebt wurde (und die daraus resultierenden Gefühle wie Neid, Wut, Hass und dem Widerspruch, die Schwester ja zu lieben, da es die Schwester ist)
- e) Die nicht mögliche Identifizierung mit der Mutter, da diese sie (M.) ablehnt bzw. ambivalent ist
Die Wurzeln der Störungen
Abschnitt betitelt „Die Wurzeln der Störungen“In der 1. Frage “Warum liebt ihr mich nicht?” liegt die Borderline-Störung, in der 2. “Warum liebt ihr mich nicht wie ihr meine Schwester liebt?” die spätere Anorexie, und in der 3. “Was muss ich tun, um so geliebt zu werden?” die spätere Hypochondrie.
Der Vater liebte M., dies steht ausser Zweifel, doch nicht als Mädchen, sondern als Jungen. M. war für ihn der Sohn. Dies übertrug er in sein Verhalten und seine Erziehung.
M. tat nun alles, um diese Liebe für sich zu erhalten bzw. einfordern zu können. Das heisst, sie wurde mehr und mehr der Junge, den sich der Vater ja wünschte. Mit der Ausbildung der weiblichen Geschlechtsmerkmale entwickelten sich für M. weitere starke Verlustängste. Den Höhepunkt dieser Ängste bildet in der Regel der Ausbruch der ersten Periode.
Hier bricht auch in der Regel die bereits latent vorhandene Anorexie aus (ca. 12. Lebensjahr).
Das traumatische Ereignis
Abschnitt betitelt „Das traumatische Ereignis“In die Zeit zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr fällt ein traumatisches Ereignis für M. Die Mutter von M. war (wieder mal) auf einer Kur. Wie so üblich lernt sie einen Mann kennen und möchte sich vom Vater trennen.
Dieser sitzt hilflos in der Küche und weint. M. muss mit ansehen, wie der Vater, der Mensch, den sie über alles liebt, innerlich zusammenrutscht und unfähig des Handelns ist. Der Koffer der Mutter ist gepackt, das Taxi wartet. Die Mutter will M. beim Vater lassen und ist dabei, sich zu verabschieden.
Für M., können Sie sich vorstellen, eine psychische Katastrophe. Ihre letzte Rettung ist, der Mutter den Koffer aus der Hand zu reissen, ihn auszukippen, zu schreien und zu weinen, zu toben. Es funktionierte. Die Mutter blieb. Doch was M. nicht verstand, war, warum die Mutter M. zurücklassen wollte.
Die Zusammenfassung der frühen Entwicklung
Abschnitt betitelt „Die Zusammenfassung der frühen Entwicklung“- Die Borderline-Störung war gelegt und hatte sich manifestiert
- Die Anorexie kam zum Ausbruch und manifestierte sich
- Die Anorexie dient als Selbstschädigung und Selbstbestrafung, aber auch dem Selbstbild “ich bin nicht liebenswert”
- Sie übernimmt die Verantwortung als Bindeglied zwischen den Eltern
- Sie muss die Leistungen eines Jungen erbringen, um die Liebe vom Vater nicht zu verlieren
- Sie steht im innerlichen Konflikt zu ihrer Schwester, die sie dennoch liebt
- Sie übernimmt das Vaterbild (Imago) und kann den ödipalen Konflikt nicht auflösen
M. war zu diesem Zeitpunkt bereits vollkommen ge- und verstört. Sie sehen auch, dass M. nichts dafür kann, wie sie später auf gewisse Situationen reagiert. Alle Gefühls- und Verhaltensmuster basieren auf der gestörten Entwicklung von M.