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Anorexia nervosa

Im Gegensatz zur Bulimie ist die Anorexie keine Zeiterscheinung der modernen Zeit. Sie ist auch nicht geografisch auf die westliche Welt begrenzt. Die Anorexie findet sich in allen Kulturen wieder.

Der Begriff “Anorexia nervosa” wurde bereits 1874 von William Gull, dem Entdecker, geprägt. Schon er sagte damals:

“Der Mangel an Appetit rührt meiner Meinung nach von einem krankhaften Zustand des Geistes (Seele) her.”

Wie recht Gull hatte, wissen wir heute.

1867 bereits wurde Sarah Jacobs durch ihre Abmagerung zu einer touristischen Attraktion. Berichte über hungernde Heilige (in Indien das Muss eines heiligen Mannes) gehen bis in das 12. Jahrhundert zurück.

Katharina von Siena z.B. fastete ab dem 16. Lebensjahr immer wieder, bis sie schliesslich mit Anfang 30 jede Nahrungsaufnahme verweigerte und 1380 starb.


Die Anorexia nervosa ist durch einen absichtlich selbst herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert. Am häufigsten ist die Störung bei heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen; heranwachsende Jungen und junge Männer sind wie Kinder vor der Pubertät und ältere Frauen bis zur Menopause wesentlich seltener betroffen.

Die Anorexia nervosa stellt in folgender Hinsicht ein eigenständiges Syndrom dar:

  1. Die klinischen Merkmale des Syndroms sind leicht erkennbar, so dass die Diagnose mit einem hohen Grad an Übereinstimmung zwischen verschiedenen Klinikern zuverlässig gestellt werden kann.
  2. Verlaufsstudien haben gezeigt, dass eine beträchtliche Anzahl nicht remittierter Patienten Hauptmerkmale der Anorexia nervosa weiter in einer chronischen Form aufweisen.

Obwohl die Ursachen der Anorexia nervosa noch wenig fassbar sind, wächst die Überzeugung, dass vor allem eine Interaktion soziokultureller und biologischer Faktoren, sowie auch unspezifische psychologische Mechanismen und die Vulnerabilität der Persönlichkeit eine Rolle spielen.

Mit der Erkrankung ist eine Unterernährung unterschiedlichen Schweregrades verbunden, die sekundär zu endokrinen und metabolischen Veränderungen sowie anderen körperlichen Funktionsstörungen führt.


Tatsächliches Körpergewicht mindestens 15% unter dem erwarteten (entweder durch Gewichtsverlust oder nie erreichtes Gewicht) oder Body-Mass-Index (BMI) von 17,5 oder weniger.

Bei Patienten in der Vorpubertät kann die erwartete Gewichtszunahme während der Wachstumsperiode ausbleiben.

  • a) Vermeidung von hochkalorischen Speisen
  • b) Selbst induziertes Erbrechen
  • c) Selbst induziertes Abführen
  • d) Übertriebene körperliche Aktivitäten
  • e) Gebrauch von Appetitzüglern oder Diuretika

Eine spezifische psychische Störung: Die Angst, zu dick zu werden, besteht als eine tiefverwurzelte überwertige Idee. Die Betroffenen legen eine sehr niedrige Gewichtsschwelle für sich selbst fest.

Eine endokrine Störung auf der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse:

  • Bei Frauen: Amenorrhoe (Ausbleiben der Menstruation)
  • Bei Männern: Libido- und Potenzverlust

Zusätzlich können vorliegen:

  • Erhöhte Wachstumshormon- und Kortisolspiegel
  • Änderungen des peripheren Metabolismus von Schilddrüsenhormonen
  • Störungen der Insulinsekretion

Bei Beginn der Erkrankung vor der Pubertät ist die Abfolge der pubertären Entwicklungsschritte verzögert oder gehemmt:

  • Wachstumsstopp
  • Fehlende Brustentwicklung und primäre Amenorrhoe beim Mädchen
  • Bei Knaben bleiben die Genitalien kindlich

Nach Remission wird die Pubertätsentwicklung häufig normal abgeschlossen, die Menarche tritt aber verspätet ein.


Anorexie ohne aktive Massnahmen zur Gewichtsabnahme (Erbrechen, Abführen etc.)

Dazugehörige Begriffe:

  • Asketische Form der Anorexie
  • Passive Form der Anorexie
  • Restriktive Form der Anorexie

Anorexie mit aktiven Massnahmen zur Gewichtsabnahme (Erbrechen, Abführen etc., u.U. in Verbindung mit Heisshungerattacken)

Dazugehörige Begriffe:

  • Aktive Form der Anorexie
  • Bulimische Form der Anorexie

Es können depressive und Zwangssymptome wie auch Merkmale einer Persönlichkeitsstörung vorkommen. Dann wird die Abgrenzung zu dieser Störung oder die Verwendung von mehr als einer diagnostischen Kodierung notwendig.

Somatische Ursachen eines Gewichtsverlustes bei jungen Patienten müssen berücksichtigt werden:

  • Chronisch konsumierende Krankheiten
  • Hirntumoren
  • Darmerkrankungen wie Morbus Crohn
  • Malabsorptionssyndrom

Ausschluss:

  • Appetitverlust
  • Psychogener Appetitverlust

Sehr oft wird die Bulimie mit der Anorexie (Magersucht) verwechselt. Das soll heissen, dass sehr oft Anorexiekranke von der passiven Form in die aktive Form wechseln. Der häufige Fehler hier ist, dass auf Bulimie behandelt wird. Der Erfolg liegt dann darin, dass die Brechvorgänge zwar gestoppt werden, doch die Anorexie als solches bleibt.

Zu oft liegt auch bei beiden Krankheiten (Bulimie und Anorexie) die Borderline-Störung zugrunde.

Ein Bulimiekranker oder Anorexiekranker muss keine unterliegende Borderline-Störung aufweisen, auch wenn starke Anzeichen bestehen.

Hier handelt es sich vielmehr um die Urstörung, welche ja noch keine Störung war/ist - da noch nicht manifestiert. Sagen wir also besser, um den gestörten Zustand in der Kindheit, aus dem dann die Anorexie oder Bulimie entsteht.

Es ist festzustellen, dass, wenn dieser Urzustand nicht analytisch und verhaltenstherapeutisch aufgearbeitet wird, die Behandlung völlig fehlschlägt.


Die Anorexie tritt sehr häufig bei Familien auf, in denen es zwei Schwestern gibt. Wobei die Anorexie die Zweitgeborene trifft.

Charakteristische Merkmale der Familienmitglieder:

Abschnitt betitelt „Charakteristische Merkmale der Familienmitglieder:“
MutterVaterKind 1 (w)Kind 2 (w) - Anorexia
Sehr sauberVerantwortungsbewusstWeiblich ausgeprägtMännlich ausgeprägt
KonservativMutter unterlegenKonservativAusgeflippt
StrengÜberreiztNach Vorschrift handelndVorschriften ignorierend
Herrschsüchtig, ambivalentManchmal zu viel AlkoholSpielen mit PuppenSpielen wie/mit Jungen
Bestimmend, nach Regeln handelndSich unterordnendSchwache SexualitätStarke Sexualität
FührendMinderwertigkeitskomplexeSchwaches Selbstwertgefühl
SarkastischFamilienbewusst
AbwertendFürsorglich
SelbstzweifelndGutmütig
Wehleidig
HysterischKarriereLeben

Beide Elternteile haben sich ein zweites Kind gewünscht. Grundsätzlich stellt man fest, dass in der Ehe der Eltern einiges schief gelaufen ist und auch noch immer läuft. Diese Menschen sind nicht mehr durch Liebe aneinander gebunden, sondern durch Regeln.

Die Verbindung der Eltern wird in der Regel von der Mutter geführt, der Vater ordnet sich hier unter.

Das Kernproblem:

  • Das zweite Kind ist zwar gewünscht, doch als Junge
  • Die Geburt der zweiten Tochter lässt eine Welt für beide zusammenbrechen
  • Die Wut und Ohnmacht darüber projizieren sie auf das zweite Kind

Von der Mutter abgelehnt und vom Vater nicht als das betrachtet was es ist, beginnt hier der Leidensweg des Kindes.

Das Kind rutscht in einen seelischen Konflikt, der folgende Dinge beinhaltet:

  • a) Frau sein zu wollen, aber nicht darf, weil sie sonst Liebe vom Vater verliert
  • b) Von der Mutter geliebt werden zu wollen, aber nicht zu wissen wie sie es anstellen soll
    • da sie alles verkehrt macht
    • da sie den Vater verraten würde
  • c) Die Wut auf die Mutter, die sich mehr und mehr nach innen richtet
  • d) Der Hass auf die Schwester, die geliebt wird
  • e) Nichts Böses tun zu wollen

“Das Kind will geliebt werden”

Dieser Konflikt ist für das Kind nicht zu bewältigen, dennoch arbeiten diese Menschen ein “ICH” heraus - mit dem Preis der Körperschädigung.

Beginnend mit der ersten Periode und der Brustentwicklung wird der innere seelische Konflikt nach aussen verlagert.

Das “nicht essen” ist:

  1. Eine Abwehr bzw. Oppositionshaltung
  2. Ein Versuch, die entstehenden weiblichen Formen zu vermeiden

Höchstes Gebot für das Kind ist, nicht auch noch die Liebe des Vaters zu verlieren. Da dieses Kind sich jetzt zur Frau entwickelt, wird sie alles versuchen, die entstehenden weiblichen Formen zu vermeiden: Über nicht essen oder erbrechen - oft alles in Verbindung mit exzessivem Sport.

Der Sport erfüllt eine Doppelfunktion:

  • Leistungen wie ein Junge
  • Körper wie ein Junge
  • Der unglaubliche innere Spannungsabbau / Aggressionsabbau

Ab einem gewissen Zeitpunkt verselbständigt sich die Krankheit und die Gedanken und Gefühle werden abgekapselt.