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Borderlinespektrum und Komorbidität

Die Borderline-Störung bietet ein sehr breites Spektrum. Fast scheint es, als ob sie alle F60-Persönlichkeitsstörungen in sich vereinen kann.

Der Begriff Komorbidität suggeriert, dass eine oder mehrere Störungen neben der Borderline-Störung existieren. Dies mag praktisch sein für die Diagnosestellung und die Abrechnung mit Krankenkassen - aber es vereinfacht die Realität zu stark.

Viele Fachleute sprechen heute deshalb vom Formenkreis der Borderline-Störung, ähnlich wie beim schizophrenen Formenkreis.

Das DSM-IV ist auf die pathologische Seite des Patienten ausgerichtet und verlangt, dass der Betroffene durch die Symptomatik beeinträchtigt sein muss.

Cluster A (sonderbar, exzentrisch):

  • Paranoide Persönlichkeitsstörung
  • Schizoide Persönlichkeitsstörung
  • Schizotypische Persönlichkeitsstörung

Cluster B (dramatisch, emotional, launisch):

  • Dissoziale Persönlichkeitsstörung
  • Borderline-Störung
  • Histrionische Persönlichkeitsstörung
  • Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Cluster C (ängstlich, furchtsam):

  • Dependente (abhängige) Persönlichkeitsstörung
  • Zwanghafte (anankastische) Persönlichkeitsstörung

Im ICD-10 liegen alle Persönlichkeitsstörungen unter F60 (spezifische Persönlichkeitsstörungen), ausser die schizotypische Störung (F21), die im schizophrenen Formenkreis liegt.

Die durchschnittliche Übereinstimmung zwischen DSM-IV und ICD-10 liegt bei ca. 68%.

Stellen Sie sich die Borderline-Störung als Dimension vor:

  • Von innen nach aussen: verschiedene Ausprägungen
  • Je weiter im Zentrum, desto ausgeprägter die belastende Symptomatik
  • Der Betroffene kann sich an jedem beliebigen Punkt innerhalb des Spektrums befinden

Nimmt man die auftretenden Komorbiditäten hinzu, verschiebt sich das Spektrum noch einmal.

Häufigste eingreifende Persönlichkeitsstörungen

Abschnitt betitelt „Häufigste eingreifende Persönlichkeitsstörungen“

Die sechs häufigsten Persönlichkeitsstörungen, deren Symptome in die Borderline-Störung eingreifen:

  1. Schizotypische PS (F21) - Borderlineschizophrenie
  2. Abhängige (dependente) PS (F60.7)
  3. Ängstliche (vermeidende) PS (F60.6)
  4. Paranoide PS (F60.0)
  5. Histrionische PS (F60.4)
  6. Narzisstische PS (F60.8)

Die schizotypische Störung bildet eine Sonderform innerhalb der Borderline-Störung und wird auch als Borderlineschizophrenie bezeichnet.

Symptome (die auch bei Borderline “in Schüben” auftreten können):

Abschnitt betitelt „Symptome (die auch bei Borderline “in Schüben” auftreten können):“
  • Kalter Affekt, Anhedonie
  • Seltsames und exzentrisches Verhalten
  • Tendenz zu sozialem Rückzug
  • Paranoide oder bizarre Ideen (ohne eigentliche Wahnvorstellungen)
  • Zwanghaftes Grübeln
  • Denk- und Wahrnehmungsstörungen
  • Vorübergehende quasipsychotische Episoden mit Illusionen oder Halluzinationen

Bei Betroffenen, die relativ nah der Mitte des Borderlinespektrums und im narzisstischen Bereich liegen, greifen gehäuft paranoide Symptome ein:

  • Übertriebene Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung
  • Nachtragen von Kränkungen
  • Misstrauen
  • Tendenz, neutrale Handlungen als feindlich zu interpretieren
  • Streitsüchtiges Bestehen auf eigenen Rechten
  • Pathologische Eifersucht
  • Ungerechtfertigtes Misstrauen bezüglich sexueller Treue

Eine sehr häufig auftretende Kombination sind Borderline-Betroffene mit eingreifenden Symptomen der:

  • Ängstlichen (vermeidenden) PS (F60.6)
  • Dependenten (abhängigen) PS (F60.7)

Diese Kombination kann man als humanere Variante gegenüber dem Partner bezeichnen. Hier kann zusätzlich auch die Symptomatik der zwanghaften PS eingreifen.

Die Kombinationsmöglichkeiten einzelner Symptomatiken innerhalb des Borderlinespektrums sind enorm gross. Deshalb sollte eine differenzierte Diagnose lauten:

Kerndiagnose:

  • Borderline-Störung F60.31

Nebendiagnose:

  • a) Stark ausgeprägte Strukturen der dependenten PS (F60.7)
  • b) Weniger stark ausgeprägte Strukturen der ängstlichen PS (F60.6)
  • c) Weniger stark ausgeprägte Strukturen der histrionischen PS (F60.4)

Es ist wichtig zu verstehen: Nur weil sich bis zu 20% der Symptomatik überschneiden (z.B. mangelnde Impulskontrolle), wird aus einem ADHS-Betroffenen kein “noch dazu” Borderliner - und umgekehrt.

Die fehlende Impulskontrolle beim ADHS hat biochemische Ursachen, während sie bei der Borderline-Störung strukturell-psychodynamischer Natur ist.

Siehe auch: Exekutive Funktionen

Borderline-Störung ist nicht gleich Borderline-Störung. Das Verständnis des Spektrums und der eingreifenden anderen Persönlichkeitsstörungen hilft:

  • Betroffenen, sich selbst besser zu verstehen
  • Angehörigen, das Verhalten einzuordnen
  • Therapeuten, individuell angepasste Behandlungen zu planen