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Exekutive Funktionen

Exekutive Funktionen sind zentrale kognitive Prozesse, die bei der Borderline-Störung und beim ADHS beeinträchtigt sein können. Das Verständnis dieser Funktionen hilft, bestimmte Verhaltensweisen besser einzuordnen.

Exekutive Funktionen umfassen:

  • Planen und Problemlösen
  • Handlungskontrolle und Steuerung
  • Motivation und Emotionsregulation
  • Aufmerksamkeitsfokussierung
  • Arbeitsgedächtnis
  • Inhibition (Hemmung von Impulsen)
  • Aufgabenmanagement
  • Monitoring und Kodierung von Informationen

Diese Funktionen steuern bewusstseinsnahe, komplexe Verhaltensweisen, bei denen mehrere kognitive Aspekte koordiniert werden müssen.

Die exekutiven Funktionen werden hauptsächlich in der präfrontalen Hirnrinde (Frontallappen, Stirnhirn) koordiniert.

Die Frontallappen haben sich in der Entwicklungsgeschichte zum Menschen stark entwickelt und sind im Vergleich zu anderen Hirnteilen unverhältnismässig gewachsen.

Besonders involviert ist die anteriore Cingulumrinde, die im medialen frontalen Cortex lokalisiert ist. Sie hat reichhaltige Verbindungen zu:

  • Frontal-, Parietal- und Temporallappen
  • Entorhinalen Assoziationsgebieten
  • Amygdala (Mandelkern)

Bei Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen sind folgende Bereiche betroffen:

  • Fähigkeit, geistige Objekte im Kopf zu behalten und zu verändern
  • Mentale Objekte zeitlich einzuordnen (Vergangenheit und Zukunft)
  • Bei Störung: Schwierigkeiten, Informationen “online” zu halten
  • Trennung des Affekts vom Antwortverhalten
  • Ermöglicht “vernünftiges” Handeln
  • Bei Störung: Emotionen bestimmen direkt das Verhalten
  • Bewusste innere verbale Beschreibung und Reflexion
  • Ermöglicht Selbstinstruktion
  • Bei Störung: Kann nicht den eigenen oder gesellschaftlichen Regeln folgen
  • Kreative Antworten auf Situationen finden
  • Aus dem eigenen Verhaltensrepertoire auswählen
  • Bei Störung: Starre, unflexible Reaktionsmuster

Wesentlich für das exekutive System ist, dass zunächst die instinkthafte, gefühlsmässige Verhaltensantwort gehemmt wird.

Diese Hemmung:

  • Verhindert, dass irrelevante Ablenkungen unser Verhalten bestimmen
  • Ermöglicht es, nach Pausen den Faden wieder aufzunehmen
  • Bedeutet: “Halt inne, sieh hin, hör zu, überlege bevor du handelst”
  • Macht zielgerichtetes Lernen und Handeln möglich
  • Mangelnder Antrieb und mangelnde Planungsfähigkeit
  • Gestörte Zielgerichtetheit und Zweckmässigkeit von Aktivitäten
  • Fehlerhafte Situationseinschätzung
  • Probleme mit Tagesstruktur und Terminplanung
  • Beeinträchtigtes Lernen aus Fehlern
  • Schwierigkeiten bei der flexiblen Anpassung an Veränderungen
  • Antriebsverlust und Interesselosigkeit
  • Gefühlsmässige Gleichgültigkeit (affektive Indifferenz)
  • Aggressivität und sozial schlecht angepasstes Verhalten
  • Mangelnde Empathie
  • Distanzlosigkeit
  • Handlungen werden bei Erreichen des Ziels nicht beendet

Je nach betroffenem Hirnbereich unterscheidet man:

  • Nach Schädigung dorsaler präfrontaler Strukturen
  • Schwerpunkt: Planungs- und Organisationsprobleme
  • Nach Schädigung orbitaler Strukturen
  • Schwerpunkt: Enthemmung, Impulsivität
  • Nach Schädigung medialer Strukturen
  • Schwerpunkt: Antriebslosigkeit, Gleichgültigkeit

Sowohl bei ADHS als auch bei der Borderline-Störung finden sich Störungen der exekutiven Funktionen, insbesondere:

  • Impulsivität
  • Emotionsregulationsprobleme
  • Aufmerksamkeitsschwierigkeiten
AspektADHSBorderline
Ursache der ImpulskontrollstörungBiochemisch (Dopamin, Noradrenalin)Strukturell-psychodynamisch
Emotionale InstabilitätReaktiv, situativTief, identitätsbezogen
BeziehungsproblemeSekundär (durch Symptome)Primär (Kernsymptom)
SelbstbildMeist stabilChronisch instabil

Das Verständnis der exekutiven Funktionen hat praktische Implikationen:

  • Externe Strukturhilfen nutzen (Kalender, Listen, Routinen)
  • Selbstinstruktionstraining: Innere Sprache bewusst einsetzen
  • Achtsamkeitsübungen: Pause zwischen Reiz und Reaktion schaffen
  • Skills-Training zur Emotionsregulation (z.B. DBT)
  • Kognitive Techniken zur Verbesserung der Planung
  • Gegebenenfalls medikamentöse Unterstützung (besonders bei ADHS-Anteil)