Exekutive Funktionen
Exekutive Funktionen sind zentrale kognitive Prozesse, die bei der Borderline-Störung und beim ADHS beeinträchtigt sein können. Das Verständnis dieser Funktionen hilft, bestimmte Verhaltensweisen besser einzuordnen.
Was sind exekutive Funktionen?
Abschnitt betitelt „Was sind exekutive Funktionen?“Exekutive Funktionen umfassen:
- Planen und Problemlösen
- Handlungskontrolle und Steuerung
- Motivation und Emotionsregulation
- Aufmerksamkeitsfokussierung
- Arbeitsgedächtnis
- Inhibition (Hemmung von Impulsen)
- Aufgabenmanagement
- Monitoring und Kodierung von Informationen
Diese Funktionen steuern bewusstseinsnahe, komplexe Verhaltensweisen, bei denen mehrere kognitive Aspekte koordiniert werden müssen.
Neuroanatomische Grundlagen
Abschnitt betitelt „Neuroanatomische Grundlagen“Die exekutiven Funktionen werden hauptsächlich in der präfrontalen Hirnrinde (Frontallappen, Stirnhirn) koordiniert.
Das Frontalhirn
Abschnitt betitelt „Das Frontalhirn“Die Frontallappen haben sich in der Entwicklungsgeschichte zum Menschen stark entwickelt und sind im Vergleich zu anderen Hirnteilen unverhältnismässig gewachsen.
Besonders involviert ist die anteriore Cingulumrinde, die im medialen frontalen Cortex lokalisiert ist. Sie hat reichhaltige Verbindungen zu:
- Frontal-, Parietal- und Temporallappen
- Entorhinalen Assoziationsgebieten
- Amygdala (Mandelkern)
Störungen der exekutiven Funktionen
Abschnitt betitelt „Störungen der exekutiven Funktionen“Bei Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen sind folgende Bereiche betroffen:
1. Arbeitsgedächtnis
Abschnitt betitelt „1. Arbeitsgedächtnis“- Fähigkeit, geistige Objekte im Kopf zu behalten und zu verändern
- Mentale Objekte zeitlich einzuordnen (Vergangenheit und Zukunft)
- Bei Störung: Schwierigkeiten, Informationen “online” zu halten
2. Regulation von Affekten und Arousal
Abschnitt betitelt „2. Regulation von Affekten und Arousal“- Trennung des Affekts vom Antwortverhalten
- Ermöglicht “vernünftiges” Handeln
- Bei Störung: Emotionen bestimmen direkt das Verhalten
3. Internalisation von Sprache
Abschnitt betitelt „3. Internalisation von Sprache“- Bewusste innere verbale Beschreibung und Reflexion
- Ermöglicht Selbstinstruktion
- Bei Störung: Kann nicht den eigenen oder gesellschaftlichen Regeln folgen
4. Verhaltensplanung und -synthese
Abschnitt betitelt „4. Verhaltensplanung und -synthese“- Kreative Antworten auf Situationen finden
- Aus dem eigenen Verhaltensrepertoire auswählen
- Bei Störung: Starre, unflexible Reaktionsmuster
Der Kern des Problems: Impulshemmung
Abschnitt betitelt „Der Kern des Problems: Impulshemmung“Wesentlich für das exekutive System ist, dass zunächst die instinkthafte, gefühlsmässige Verhaltensantwort gehemmt wird.
Diese Hemmung:
- Verhindert, dass irrelevante Ablenkungen unser Verhalten bestimmen
- Ermöglicht es, nach Pausen den Faden wieder aufzunehmen
- Bedeutet: “Halt inne, sieh hin, hör zu, überlege bevor du handelst”
- Macht zielgerichtetes Lernen und Handeln möglich
Auswirkungen gestörter exekutiver Funktionen
Abschnitt betitelt „Auswirkungen gestörter exekutiver Funktionen“Verhaltensebene
Abschnitt betitelt „Verhaltensebene“- Mangelnder Antrieb und mangelnde Planungsfähigkeit
- Gestörte Zielgerichtetheit und Zweckmässigkeit von Aktivitäten
- Fehlerhafte Situationseinschätzung
- Probleme mit Tagesstruktur und Terminplanung
- Beeinträchtigtes Lernen aus Fehlern
- Schwierigkeiten bei der flexiblen Anpassung an Veränderungen
Emotionale und soziale Ebene
Abschnitt betitelt „Emotionale und soziale Ebene“- Antriebsverlust und Interesselosigkeit
- Gefühlsmässige Gleichgültigkeit (affektive Indifferenz)
- Aggressivität und sozial schlecht angepasstes Verhalten
- Mangelnde Empathie
- Distanzlosigkeit
- Handlungen werden bei Erreichen des Ziels nicht beendet
Drei Unterformen des Frontalhirnsyndroms
Abschnitt betitelt „Drei Unterformen des Frontalhirnsyndroms“Je nach betroffenem Hirnbereich unterscheidet man:
1. Dysexekutive Form
Abschnitt betitelt „1. Dysexekutive Form“- Nach Schädigung dorsaler präfrontaler Strukturen
- Schwerpunkt: Planungs- und Organisationsprobleme
2. Disinhibierte Form
Abschnitt betitelt „2. Disinhibierte Form“- Nach Schädigung orbitaler Strukturen
- Schwerpunkt: Enthemmung, Impulsivität
3. Apathische Form
Abschnitt betitelt „3. Apathische Form“- Nach Schädigung medialer Strukturen
- Schwerpunkt: Antriebslosigkeit, Gleichgültigkeit
Bedeutung für Borderline und ADHS
Abschnitt betitelt „Bedeutung für Borderline und ADHS“Gemeinsamkeiten
Abschnitt betitelt „Gemeinsamkeiten“Sowohl bei ADHS als auch bei der Borderline-Störung finden sich Störungen der exekutiven Funktionen, insbesondere:
- Impulsivität
- Emotionsregulationsprobleme
- Aufmerksamkeitsschwierigkeiten
Unterschiede
Abschnitt betitelt „Unterschiede“| Aspekt | ADHS | Borderline |
|---|---|---|
| Ursache der Impulskontrollstörung | Biochemisch (Dopamin, Noradrenalin) | Strukturell-psychodynamisch |
| Emotionale Instabilität | Reaktiv, situativ | Tief, identitätsbezogen |
| Beziehungsprobleme | Sekundär (durch Symptome) | Primär (Kernsymptom) |
| Selbstbild | Meist stabil | Chronisch instabil |
Therapeutische Ansätze
Abschnitt betitelt „Therapeutische Ansätze“Das Verständnis der exekutiven Funktionen hat praktische Implikationen:
Für Betroffene
Abschnitt betitelt „Für Betroffene“- Externe Strukturhilfen nutzen (Kalender, Listen, Routinen)
- Selbstinstruktionstraining: Innere Sprache bewusst einsetzen
- Achtsamkeitsübungen: Pause zwischen Reiz und Reaktion schaffen
In der Therapie
Abschnitt betitelt „In der Therapie“- Skills-Training zur Emotionsregulation (z.B. DBT)
- Kognitive Techniken zur Verbesserung der Planung
- Gegebenenfalls medikamentöse Unterstützung (besonders bei ADHS-Anteil)