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Eine typische Alltagssituation

Betrachten wir uns eine ganz gewöhnliche Situation

Abschnitt betitelt „Betrachten wir uns eine ganz gewöhnliche Situation“

Aus der Perspektive von C., einer Borderline-Betroffenen


Ich darf mich kurz vorstellen? Mein Name ist C., ich bin Borderliner - besser gesagt, ich “leide” an der Borderline-Störung.

“Tzzz, was heisst hier eigentlich Störung? Als ob ich gestört wäre?”

Es ist 1:30 Uhr. Mein Freund ist schon fertig und liegt im Bett. Ich stehe im Bad und betreibe die übliche Routine. Ein anstrengender, doch wundervoller Tag.

“Ja, er liebt mich wirklich. So bin ich noch nie geliebt worden”, geht es mir durch den Kopf.

“Warum streiten wir aber so oft und dann so verletzend?”

Das Lächeln meines schönen Mundes lässt mich zurücklächeln.


Vier Tage keinen Streit. Aber ich mag es, ihn zu provozieren, ihn zu testen, wie weit ich gehen kann.

“Oh, ich hasse es, wenn er alles zerpflückt und ich eigentlich zugeben muss, dass er recht hat. Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu weit gehe.”

Er kann sehr hart und kalt sein - und dann liebe ich diese furchtbare Angst, er verlässt mich doch. Puh, vor vier Tagen, das ging gerade noch mal gut.

“Na ja, ich weiss schon, wie ich ihn kriege. Die Versöhnungen sind einfach himmlisch.”


Heute mag ich mein Gesicht. Eigentlich mag ich es immer. Immer? Nein, nicht immer.

Aber wenn er mich dann so ansieht, mir wieder in einem Anflug echten Erstaunens sagt: “Du bist so schön” - dann weiss ich, dass es stimmt. Der liebt mich sogar im Jogginganzug. Bei ihm kann ich einfach sein, wie ich bin.

“Obwohl… er findet mich zu dünn für meine Grösse.”


Fertig im Bad. Jetzt will ich wissen, ob er mich wirklich liebt. Werde ihn einfach fragen.

Ich geh ins Schlafzimmer und flüstere: “Liebst du mich?”

Zum Glück ist es dunkel und er sieht meine Angst nicht.

Keine Antwort. Schläft der etwa schon?

Wieder frage ich, diesmal laut und fordernd. Wieder keine Antwort.

“Das kann doch wohl nicht wahr sein. Es kocht in mir. Der Typ pennt einfach.”

Nein, er liebt mich nicht. Sonst wäre er doch munter.


Massiv und geräuschvoll kämpfe ich mich auf meine Seite des Bettes. Er stöhnt, als will er sagen: “Sei doch nicht so laut.”

“Na warte”, denke ich.

In dem Moment durchfährt mich das alte Gefühl des Verlassenseins, gepaart mit der Wut des Sadismus. Ich will es jetzt wissen und mache den Strahler an, der ihm direkt ins Gesicht scheint.

“So, das hat er jetzt davon.”

Er reisst die Decke hoch und fährt mich scharf an: “Hast du sie noch alle? Mach sofort das Licht aus, ich schlafe schon!”


Huch, erschrocken mache ich das Licht aus.

“Der spinnt ja wohl. Wie kann er mich so anfahren?”

Es ist stockdunkel und ich flüstere wie ein Kind: “Ich habe doch nichts gesehen.”

Ich bin eingerollt in meiner Decke, bereit, jede zärtliche Zuwendung abzuwehren.

“Verdammt, ich will aber jetzt, dass er mich in den Arm nimmt und mir sagt, dass er mich liebt. Eigentlich glaube ich nicht, dass er mich liebt.”

Die Sekunden werden zur Ewigkeit. Mir ist zum Heulen.


“Bekomme ich keinen Kuss?” - bettele ich.

Er dreht sich langsam zu mir um. Seine Hand sucht und findet mich, tastet das zusammengerollte Knäul ab. Kein Reinkommen. Er streichelt mir doch kurz durch meine Haare, die er ja ach so toll findet.

Kurzer Kuss. “Nacht Liebling, ich bin so müde”, sagt er.

Ich bin kurz vor der Explosion und drehe mich um.

“Jetzt reicht’s wirklich. Der liebt mich nicht, hat mich nie geliebt.”


Alles Mögliche geht mir blitzartig durch den Kopf. Es ist doch jedesmal so - ich werde einfach nicht geliebt.

Ich explodiere und springe aus dem Bett. “So kann ich nicht einschlafen!”, brülle ich ihn an.

Ich schnappe mein Bettzeug und gehe ins Wohnzimmer. Am liebsten würde ich auf ihn einprügeln.

Um mich zu beruhigen, öffne ich eine Flasche Wein… eine nach der anderen.

“Ich hab es doch gewusst, er liebt mich nicht. Und immer dieser Streit. Es funktioniert einfach nicht mit uns.”

Sieht man ja - kommt nicht mal hinterher. Interessiert ihn einfach nicht. Ich interessiere ihn nicht.

Schluss - Aus - Ende. Ich mach Schluss, diesmal endgültig.

“Obwohl… wenn er jetzt käme und mich lieben würde?”

Der schläft einfach weiter.


Ich renne wutentbrannt ins Schlafzimmer und knalle ihm alles Mögliche an den Kopf. Was, weiss ich eigentlich nicht, aber es ist beleidigend und sitzt (hoffe ich).

Zurück im Wohnzimmer erst mal ein Schluck Wein und eine Zigarette.

“Das hat gesessen. Jetzt fühle ich mich wohler.”

Wenn er jetzt kommt, können wir uns ja wieder versöhnen, geht es mir durch den Kopf - und ich spüre, wie es mich sexuell erregt. Die Kerzen sind schon an.


Da kommt er. Bleibt in der Tür stehen und fixiert mich mit diesem durchdringenden Blick.

“Ich hasse diesen Blick. Er weiss genau, was in mir vorgeht. Das macht mich wieder wütend.”

Zu oft fühle ich mich wie ein offenes Buch vor ihm. Keiner konnte bisher hinter meine Masken in mich schauen.

Ich wage es nicht, ihn anzublicken.


“Nein, meine Masken werde ich nicht fallen lassen. Nicht für so einen dahergelaufenen wie den da”, und wühle mit meiner Zigarette den Aschenbecher durch.

“Kann der Arsch nicht einfach herkommen? Dann war doch immer alles gut.”

“Ich hau dem jetzt den Aschenbecher an den Kopf. Oder er soll einfach gehen.”

Er steht immer noch da und schaut mich an.

Kurz, knapp und scharf kommt der Satz: “Heisst das jetzt, ich soll mir eine andere Partnerin suchen?”

Mir bleibt das Herz stehen.


“Verdammt. ‘Nein’, ‘Ja’”, würde ich am liebsten schreien. Ich kann nichts sagen.

Wieder kommt die Frage, diesmal noch schärfer.

“Nein”, presse ich kleinlaut hervor und hoffe gleichzeitig auf die Versöhnung.

Er dreht sich um, sagt “dann ist ja gut” und geht wieder.

“‘Du gottverdammtes Arschloch’ will ich hinterher schreien und bin wie betäubt.”

Ich heule wie ein Schlosshund, da ich jetzt den Beweis habe, dass er mich nicht liebt.

Aber SO wollte ICH es nicht.


Der Wein kann mich kaum trösten. Die ganze Nacht schlafe ich nicht.

“Für wie viele solcher Nächte ist er verantwortlich? Für alle”, sagt es in mir.

Ich hasse:

  • Seine Kälte
  • Seine insistierenden Fragen
  • Seine Analysen
  • Seine Wärme
  • Sein Verständnis
  • Seine Zärtlichkeiten
  • Meine Machtlosigkeit dagegen

Ich hasse IHN. Schluss, Aus, Ende. Eigentlich hat er nur schlechte Eigenschaften.

Ich warte darauf, dass er kommt und sich neben mich legt. Er kommt nicht.

“Ha, ich liebe ihn auch nicht mehr.”


Irgendwann gegen Morgen schlafe ich ein. Ich wache auf, fühle mich hundeelend.

Er hat Kaffee gemacht und steht hinter der Küchentheke, schaut mich an und sagt: “Ich wollte dich nicht wecken. Musste das gestern wieder sein?”

“Ich weiss, er wartet auf eine Entschuldigung. Er hätte doch kommen können. Ausserdem bin ich nicht schuld an dem Streit. Was heisst eigentlich Streit? Es ist aus.”

Ich gehe ins Bad, ohne ihn eines Blickes zu würdigen oder eine Antwort zu geben. Der kann mich mal.


“Ist es wieder mal aus?”, fragt er.

“Ha, jetzt habe ich ihn. Jetzt bekommt er die Verletzungen knallhart zurück.”

Kalt, und es gibt mir eine regelrechte Befriedigung, sage ich: “Ja, und danke für den guten Fick. Du kannst jetzt fahren.”

Das hat gesessen. Er wird blass, seine ganze Haltung verkrampft sich. Er bleibt aber ruhig stehen.

“Mist, er lässt sich nicht provozieren.”

“Und würdest du mir auch erklären warum?”, fragt er ruhig.

“Warum, warum. Was soll das? Spinnt der Mann?”

“Ich liebe dich nicht mehr”, sage ich so kalt wie möglich.


Er geht ins Schlafzimmer und packt seine Tasche, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Ich bekomme Angst, dass er wirklich geht. Eigentlich will ich es doch gar nicht.

Ich werde noch wütender, fühle mich hilflos. Ich schreie irgendwelche Beleidigungen durch die Wohnung.

“Irgendwie muss ich ihn doch halten.”

Er kommt aus dem Schlafzimmer, bleibt an der Tür stehen und sagt ruhig: “Wenn du jetzt nicht aufhörst damit, knall ich dir eine. Ich denke, es reicht jetzt langsam.”


“Was bildet der sich ein?”

Ich schiesse auf ihn zu, reisse meinen Bademantel auf - soll er doch sehen, wie nackt und wehrlos ich bin - und schreie: “Los, schlag mich doch! Na los, das willst du doch nur!”

“Hilfe, ich benehme mich wie eine Furie”, schiesst es mir kurz durch den Kopf.

Er legt den Kopf schief, schaut mich belustigt an und sagt: “Wenn du jetzt nicht aufhörst, du hysterisches Weib, dann fängst du wirklich eine.”

Er dreht sich um, nimmt den Schlüssel und geht. Ohne Tasche.


Ich habe das Gefühl zu explodieren. Lässt der mich doch einfach stehen. Nicht zu fassen.

“Was bildet der sich eigentlich ein? Jetzt fühle ich mich noch elender und bekomme die üblichen Magenschmerzen.”

Vielleicht überlegt er es sich noch und kommt zurück. Na, dann kann er was erleben!

Er kommt nicht und ich fühle mich immer schlechter.

“Nur er ist daran schuld, wie ich mich fühle. Natürlich liebe ich ihn. Hasse mich ja selber für mein Verhalten.”

Aber hätte er mich geliebt, hätte ich nicht so sein müssen.


Er hätte mich ja auch bestrafen können - da hätte ich wenigstens mit umgehen können.

“Und was mache ich jetzt? Wo wird er sein? Mit Sicherheit ist er in der Gaststätte, in der wir gestern waren.”

Ich werde zu ihm gehen und mich entschuldigen.

“Nein, entschuldigen niemals! Warum auch? Er ist doch an allem schuld. Jetzt muss ich ihm auch noch hinterherlaufen. Für so etwas bin ich mir eigentlich zu schade.”

  1. Ich ziehe mich an. Rock, leichte Bluse - wird ihm gefallen.
  2. In mir ist eine Spannung, kaum zu ertragen.
  3. “Vielleicht schaltet er mal wieder auf stur? Vielleicht gibt er mir eine Abfuhr?”
  4. Nein, das macht er nicht. Ich muss nur schnurren wie ein Kätzchen.

Als ich an die Gaststätte komme, sitzt er im Biergarten und telefoniert.

“Wahrscheinlich erzählt er seiner Freundin wieder von dem Vorfall. Das macht mich schon wieder wütend.”

Ich trete an seinen Tisch und sage: “Komm mit nach Hause.”

“Warum sollte ich?”, fragt er.

“Ich hasse es, in die Enge getrieben zu werden.”

“Weil ich dich liebe”, sage ich.

Ihm fällt fast das Bier aus der Hand. Ihn immer so zu schockieren, liebe ich. Mein Grinsen dabei kann ich nicht unterdrücken.


Per SMS frage ich ihn, ob er diesen Schmerz, der mich fast zerreisst, mit mir teilen will.

Seine Antwort ist deutlich: “Natürlich, ich liebe dich.”

Erleichtert fahre ich nach Hause. Die Versöhnung ist wie immer wundervoll. Ich kann mich vollkommen fallen lassen.

Als er mich fragt, ob ich noch wüsste, wie ich ihn heute beleidigt habe, fällt mir nicht mehr viel ein.

“Nur dass ich sagte ‘Ich liebe dich nicht mehr’. Aber das ist jetzt nicht mehr wichtig.”

Wichtig ist nur, dass wir uns lieben und in 6 Wochen heiraten.



Quellenhinweis: Diese Inhalte basieren auf den Materialien der Borderlinezone (2002-2007) und wurden für dieses Informationsportal aufbereitet.