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Persönliche Geschichten

Diese persönlichen Geschichten zeigen verschiedene Wege in die Alkoholabhängigkeit und - bei manchen - auch den Weg heraus. Sie sollen Betroffenen Mut machen und Angehörigen helfen, die Krankheit besser zu verstehen.


Ein literarisch verfasster Erfahrungsbericht

Der Sommer war ins Land gezogen. Die heilende Kraft der Sonne und die Farbenpracht der Natur öffneten die Herzen der Menschen. Hier in Köln, auf den Stufen zum Dom, sass ein junger Mann. Es war Chris. Sein blasses, sorgenvolles Gesicht und die zitternden Hände waren sichtbare Zeichen einer Krankheit, die er wohl kannte, aber noch nicht für sich akzeptiert hatte.

Die Seele weinte und das Herz begann, an Kraft zu verlieren. Das grelle Licht der Sonne liess seine trüben, graublauen Augen schmerzen - Augen, die längst ihren Glanz verloren hatten.

“Was ist nur los mit mir?” fragte sich Chris, als er begann, über sein Leben nachzudenken.

Die Erinnerung entführte ihn in eine längst vergangene Zeit. Freude und Tränen waren Ausdruck seiner wechselhaften Gefühle.

“Warum lasse ich die schönen Erlebnisse meiner Kindheit und Jugend nicht aufleben, um Kraft für einen Neubeginn zu sammeln?”

Chris hatte kaum Nahrung zu sich genommen. Sein Magen schmerzte, die Hände zitterten. Der Kreislauf hatte an Stabilität verloren und die graublauen Augen waren rot unterlaufen. Die Haut wirkte grau, spröde und ausgetrocknet.

Alkohol, Tabletten und Kummer hatten aus einem lebensfrohen, aufgeschlossenen Mann ein nahezu kraftloses Geschöpf gemacht. Körper und Seele waren in grosser Gefahr.

Auch an diesem lauen Sommermorgen war der Alkohol seine erste Nahrung. Der täglich wiederkehrende Kampf zwischen Abhängigkeit und Ohnmacht begann.

“Bleibe so, wie du bist, Chris!” - Wie oft hatten die Menschen ihm das zugerufen.

Sie alle kannten nur den freundlichen und hilfsbereiten Chris. Sie sahen nicht die Tränen in der Nacht und kannten nicht seine Sehnsucht nach beruflicher Erfüllung. Niemand hörte den Aufschrei seines Herzens.

Nach dem frühen Tod seines Bruders durch Krebs verstärkte sich die Abhängigkeit. Die Sucht nutzte jeden Moment der Schwäche:

“Ich muss einfach weinen, verstehst du das?”

Das waren die Momente, in denen der Alkohol seinen grausamen Feldzug fortführte. Jeden Augenblick suchte Chris wieder Trost in ihm.


Geschichte 2: Der Betriebswirt - Vom Erfolg in den Abgrund

Abschnitt betitelt „Geschichte 2: Der Betriebswirt - Vom Erfolg in den Abgrund“

Solange das soziale Umfeld noch funktioniert, der Kranke seiner Arbeit nachgehen kann, seinen festen Freundeskreis hat, die Familie intakt und der Ehepartner ziemlich stabil ist, wird die Erkrankung vom Umfeld nicht wahrgenommen:

“Er trinkt nun mal gerne einen, ist eigentlich ein toller Typ.”

Die Öffentlichkeit erkennt einen Alkoholiker meist erst dann, wenn:

  • Die Ehe zerrüttet ist
  • Der Arbeitsplatz verloren ist
  • Wirtschaftliche Not eintritt
  • Die Familie zum Sozialfall wird

Geboren 1949 in einem “gutbürgerlichen” Hause. Der übermässige Verzehr wurde von den Eltern nicht vorgelebt - im Elternhaus gab es nur 2-3 Feiern im Jahr.

Als sogenanntes “Schlüsselkind” meistens alleine, später auf dem Gymnasium der “Durchhänger”. Alle Probleme wurden von den Eltern abgenommen - die Problemlösung selbst nie erlernt.

Mit 20 Jahren - bis dahin nie Alkohol getrunken, “Kirschsaft zum Gespött der Freunde”. Dann im Betrieb des Schwiegervaters: Der Geschäftsbetrieb lief immer schlechter, keine Aufträge, kaum Gehälter, die finanziellen Sorgen wurden riesig.

“Wer Sorgen hat, hat auch Likör.”

Das tägliche, relativ “geringe Quantum” Alkohol erleichterte das tägliche Leben mit seinen Problemen. Sorglosigkeit trat ein - die Probleme packen wir dann morgen an.

Nach dem geschilderten Einstieg in die Sucht begann die Abwärtsfahrt rasend schnell:

  • Unfähig, der beruflichen Tätigkeit nachzugehen
  • Der Drang nach Alkohol machte alles zur Nebensächlichkeit
  • Familie, Freunde, Beruf - alles wurde unwichtig
  • Pfefferminzbonbons in der Tasche
  • Mundspray gegen die Fahne
  • “Hustensaft” als Ausrede
  • Versteckte Flaschen überall

Der Alkoholiker verliert bei einsetzendem Entzug völlig die Kontrolle. Das Verschweigen der Alkoholsucht (sogenannter Co-Alkoholismus) ist eines der grössten Hindernisse auf dem Weg zur Genesung.

Trinken → Vorwürfe → Toberei → Schlechtes Gewissen → TRINKEN BIS ZUM VERGESSEN

Der schwierigste Teil: Der Umgang mit den eigenen Kindern. Der Alkoholiker liebt sie genauso wie jeder andere Vater - aber die “Kraft” des Alkohols beraubt ihn jeder Möglichkeit, einen vernünftigen Weg zu gehen.

Was Kinder prägt:

  • Prügel und Drohungen
  • Streitereien
  • Vorübergehendes Verlassen des Ehepartners
  • Zerschmeissenes Porzellan
  • Aufgebrochene Türen
  • Die innerfamiliäre Unruhe

Anfang 1987 war es soweit: Das absolute Nichts. Ein Chaos, das nicht zu übertreffen war - finanzieller und physischer Ruin, die gesamte Familie verstört.

“Ich bin Gott dankbar und glücklich darüber, eine so starke Familie bekommen zu haben!”

Der Autor ist heute seit vielen Jahren trocken.


Geschichte 3: Peter Goltz - Die Phasen der Genesung

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Peter Goltz, 1944 geboren, Ingenieur-Diplom 1969. Nach mehreren Orts- und Stellenwechseln, einer gescheiterten Ehe und häufig wechselnden Beziehungen wurde seine rapide fortschreitende Alkoholkrankheit von kontinuierlichem Persönlichkeitszerfall begleitet.

Nach einer erfolgreichen Selbsttherapie ist der alleinerziehende Vater heute als Niederlassungsleiter tätig. Meetings der Anonymen Alkoholiker sind nach wie vor wichtiger Bestandteil seines Alltags.

Phase 1: Destruktion - Die Auflösung der Strukturen

Abschnitt betitelt „Phase 1: Destruktion - Die Auflösung der Strukturen“

Erwachen. Qualvoll suchen die Neuronen nach der erlösenden Erkenntnis.

DIESMAL WAR ES KEIN ALPTRAUM.

Der Morgen beginnt mit dem “Levelcontrol”:

  • 0,1 L Alkohol = 1,5 Stunden Power
  • Wenn Power sinkt: ab zum Kiosk
  • Wenn Power = 0: Alle Systeme brechen zusammen

Die erste Dröhnung stabilisiert den Durchblick. Dann das Ritual: Mit gestrecktem Arm das Glas “fest im Griff” - zur wohlgefälligen Betrachtung in Augenhöhe.

“Ich, der immer alles im Griff habende, immer kontrolliert saufende Sonderspezialalki.”

Die Polizeikontrolle: BAK 1,34 - der Führerschein ist weg. Mindestens ein Jahr.

Die Erinnerung an die ständigen Lügen und Selbstbetrügereien. Die tausendfachen Beteuerungen, alles im Griff zu haben.

“Lügen haben kurze Beine” - Hätte mir jemand erzählt, dass eine bedeutsame Lüge wie eine “Leiche im Keller” dich dein ganzes Leben verfolgt, ich hätte so manches Mal lieber einen Eimer Schei… runtergewürgt anstatt zu lügen.

Das Buch beschreibt 12 Phasen der Genesung:

  1. Destruktion - Die Auflösung der Strukturen
  2. Kapitulation - Das Eingestehen der Machtlosigkeit
  3. Demut - Die Akzeptanz der Hilfe
  4. Hoffnung - Der erste Lichtblick
  5. Freundschaft - Die Bedeutung von Beziehungen
  6. Die Zeit der Schmerzen - Der schwierige Mittelteil
  7. Freiheit - Das neue Lebensgefühl
  8. Evelin - Beziehungen in der Genesung
  9. Meine Leute - Die Selbsthilfegruppe
  10. Die Tage der Sprachlosigkeit - Wenn Worte fehlen
  11. Die höhere Macht - Spiritualität in der Genesung
  12. Die Neugründung - Der Neuanfang

  1. Der schleichende Beginn - Niemand wird über Nacht zum Alkoholiker
  2. Die Selbsttäuschung - “Ich habe alles unter Kontrolle”
  3. Das soziale Versteckspiel - Pfefferminz, Ausreden, versteckte Flaschen
  4. Der Kontrollverlust - Der Punkt, an dem Aufhören unmöglich wird
  5. Die Auswirkungen auf andere - Familie, Kinder, Freunde leiden mit
  • Ehrlichkeit - Zuerst sich selbst gegenüber
  • Professionelle Hilfe - Ärzte, Therapeuten, Kliniken
  • Selbsthilfegruppen - Anonyme Alkoholiker und andere
  • Ein unterstützendes Umfeld - Menschen, die nicht aufgeben
  • Zeit - Genesung ist ein Prozess, kein Ereignis

Wenn Sie oder jemand, den Sie kennen, betroffen ist:


Diese Geschichten wurden von Betroffenen zur Verfügung gestellt, um anderen Mut zu machen. Genesung ist möglich.