Ritalin / Methylphenidat
Was ist Methylphenidat?
Abschnitt betitelt „Was ist Methylphenidat?“Methylphenidat ist ein Arzneistoff mit stimulierender Wirkung. Er gehört zu den Amphetamin-ähnlichen Substanzen und wird hauptsächlich zur medikamentösen Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADS/ADHS) eingesetzt.
Daneben findet Methylphenidat Anwendung bei:
- Narkolepsie
- Augmentation von Antidepressiva bei therapieresistenten Depressionen
Handelsnamen
Abschnitt betitelt „Handelsnamen“Methylphenidat wird seit 1959 eingesetzt. In Deutschland wird es unter verschiedenen Namen vertrieben:
- Ritalin, Ritalin SR, Ritalin LA
- Medikinet, Medikinet retard
- Concerta
- Methylphenidat Hexal
- und weitere Generika
Unterschiede der Präparate
Abschnitt betitelt „Unterschiede der Präparate“Alle Präparate enthalten den gleichen Wirkstoff, unterscheiden sich jedoch in:
- Füll- und Zusatzstoffen
- Wirkdauer (normale vs. retardierte Formen)
- Freisetzungsmechanismus
Bei retardierten Medikamenten wird der Wirkstoff über Depots zeitversetzt und kontinuierlich über den Tag abgegeben.
Wirkungsweise
Abschnitt betitelt „Wirkungsweise“Methylphenidat hemmt die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin in den Präsynapsen und erhöht so deren Konzentration im synaptischen Spalt.
Dies führt zu:
- Erhöhtem Signalaufkommen am Rezeptor
- Erhöhung des Sympathikotonus
- In geringem Mass: Freisetzung von Katecholaminen
Hypothesen zur Wirkung bei ADHS
Abschnitt betitelt „Hypothesen zur Wirkung bei ADHS“Hypothese 1: Frontalhirn-Aktivierung
Abschnitt betitelt „Hypothese 1: Frontalhirn-Aktivierung“Bei ADHS sind bestimmte Bereiche im frontalen Gehirn, die Impulse kontrollieren, weniger aktiv. Stimulanzien regen diese an, wodurch das Gehirn seine Kontrollfunktionen besser wahrnehmen kann.
Hypothese 2: Dopamintransporter-Blockade
Abschnitt betitelt „Hypothese 2: Dopamintransporter-Blockade“Menschen mit ADHS weisen eine erhöhte Anzahl und Aktivität von Dopamin-Transportern auf. Dieses Rücktransportsystem der Nervenzellen saugt das freigesetzte Dopamin wie ein “Staubsauger” wieder auf. Methylphenidat blockiert dieses System vorübergehend (3-5 Stunden) und verbessert so die Verfügbarkeit des Dopamins.
Hypothese 3: Plastizitäts-Hypothese
Abschnitt betitelt „Hypothese 3: Plastizitäts-Hypothese“In den betroffenen Hirnarealen existieren zu wenig Rezeptoren für Dopamin. Durch Methylphenidat werden die Rezeptoren vermehrt mit Dopamin versorgt, sodass die Erregungsweiterleitung besser funktioniert.
Dosierung
Abschnitt betitelt „Dosierung“Einstellung (Titrationsmethode)
Abschnitt betitelt „Einstellung (Titrationsmethode)“- Beginn mit niedriger Einzeldosis (2,5 oder 5 mg)
- Wöchentliche Steigerung um 5-10 mg
- Anpassung anhand von Beobachtungsbögen
- Nach einigen Monaten ggf. neue Einstellung erforderlich
Typische Dosierungen
Abschnitt betitelt „Typische Dosierungen“| Altersgruppe | Einzeldosis | Tagesdosis | Häufigkeit |
|---|---|---|---|
| Kinder ab 6 Jahren | 5 mg (Start) | 10-40 mg | 1-3x täglich |
| Erwachsene | 10 mg (Start) | 20-30 mg (bis 60 mg) | 2-3x täglich |
Wirkdauer
Abschnitt betitelt „Wirkdauer“- Normale Tabletten: 3-4 Stunden (manchmal länger)
- Retardierte Formen: 6-8 Stunden
- Wirkeintritt: 15-30 Minuten
Wichtige Hinweise
Abschnitt betitelt „Wichtige Hinweise“- Kinder sollten nicht vor dem 6. Lebensjahr behandelt werden (Ausnahmen nur bei strenger Indikation)
- Früher wurde eine Einnahme nur an Schultagen empfohlen - heute wird eine kontinuierliche Gabe bevorzugt
- Die alleinige Gabe von Methylphenidat ist normalerweise nicht ausreichend - multimodale Therapie empfohlen
Nebenwirkungen
Abschnitt betitelt „Nebenwirkungen“Die meisten Nebenwirkungen sind auf die Einstellungsphase begrenzt und kurzzeitig.
Appetit
Abschnitt betitelt „Appetit“- Häufig: Rückgang des Appetits
- Kann gemildert werden durch Einnahme nach dem Essen
- Hauptmahlzeit auf den Abend verlegen
- Verliert sich meist innerhalb einiger Monate
Magen-Darm-Beschwerden
Abschnitt betitelt „Magen-Darm-Beschwerden“- Übelkeit bei Einnahme ohne Flüssigkeit
- Gelegentlich Bauchschmerzen oder Erbrechen zu Beginn
- Besserung bei Einnahme mit Mahlzeiten
Schlafstörungen
Abschnitt betitelt „Schlafstörungen“- Können bei zu hoher Dosis auftreten
- Auch bei zu später Einnahme der letzten Dosis
- Klingen oft im Verlauf einiger Wochen ab
Psychische Nebenwirkungen
Abschnitt betitelt „Psychische Nebenwirkungen“- Vorübergehende Empfindsamkeit, besonders bei Kindern
- Gefühl, “ganz anders” oder “nicht mehr man selbst” zu sein
- Selten: Depressive Zustände
- Wichtig: Bei gleichzeitiger Depression auf Suizidalität achten (besonders erste 3 Wochen)
Herz-Kreislauf-System
Abschnitt betitelt „Herz-Kreislauf-System“- Blutdrucksteigerung
- Erhöhung der Herzfrequenz (besonders bei Kindern)
- Bei Vorerkrankungen: Strenge Indikationsstellung und engmaschige Kontrolle erforderlich
Rebound-Effekt
Abschnitt betitelt „Rebound-Effekt“Nach Ende der Wirkdauer können sich ADHS-Symptome vorübergehend verstärken.
Abhängigkeitsgefahr
Abschnitt betitelt „Abhängigkeitsgefahr“Missbrauchspotential
Abschnitt betitelt „Missbrauchspotential“- Als Strassendroge (geschnupft/injiziert) kann es zur Sucht führen
- Bei therapeutischer Dosierung: Kein nennenswertes Suchtpotential
- Gefahr bei Missbrauch: Mögliche Talkum-Embolie durch Tablettenstoffe
Absetzen
Abschnitt betitelt „Absetzen“- Plötzliches Absetzen kann zu vorübergehender Hyperaktivität, Gereiztheit oder depressiver Verstimmung führen
- Empfehlung: Dosis innerhalb einer Woche schrittweise reduzieren
Überdosierung
Abschnitt betitelt „Überdosierung“| Schweregrad | Symptome |
|---|---|
| Leicht | Schwindel, Herzklopfen, erhöhte Vigilanz |
| Mittel (doppelte Dosis) | Schwindel, erhöhter Blutdruck, Schlafprobleme |
| Schwer | Übererregtheit des ZNS, Krämpfe, Delirium bis Koma, Herzrhythmusstörungen |
Wechselwirkungen
Abschnitt betitelt „Wechselwirkungen“Kontraindiziert
Abschnitt betitelt „Kontraindiziert“- MAO-Hemmer - dürfen nicht kombiniert werden!
Vorsicht bei
Abschnitt betitelt „Vorsicht bei“- Blutdrucksenkende Mittel (besonders Guanethidin)
- Antikoagulanzien des Cumarintyps
- Antiepileptika (Phenobarbital, Phenytoin, Primidon)
- Neuroleptika
- Trizyklische Antidepressiva
- Antazida - nicht gleichzeitig einnehmen
- Alkohol - sollte während der Behandlung gemieden werden
Alternativen zu Methylphenidat
Abschnitt betitelt „Alternativen zu Methylphenidat“Amphetaminpräparate
Abschnitt betitelt „Amphetaminpräparate“Für Patienten, die auf Methylphenidat nicht ausreichend ansprechen oder depressive Verstimmungen entwickeln:
- Kann erfolgversprechend sein bei komorbiden aggressiven Verhaltenstörungen
- Bei Ticstörung unter Methylphenidat: Hohe Wahrscheinlichkeit, dass diese unter Amphetaminsulfat nicht auftritt
- Günstig bei sozialen Störungen
- Bei ADHS mit Borderline-Störung: Geringe Dosis (1-2 mg täglich) zeigt häufig stimmungsstabilisierende Wirkung
Atomoxetin (Strattera)
Abschnitt betitelt „Atomoxetin (Strattera)“- Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (kein Stimulans)
- In Deutschland seit März 2005 erhältlich
- Wirkeintritt: Erst nach einigen Wochen beurteilbar
- Regel-Dosierung: 1,2 mg/kg Körpergewicht
- Vorteil: Kein Abhängigkeitspotential
- Nachteil: Neue Substanz, Langzeitdaten begrenzt
Trizyklische Antidepressiva
Abschnitt betitelt „Trizyklische Antidepressiva“Als Alternativen ohne Abhängigkeitsrisiko:
| Wirkstoff | Mittlere Dosis | Besserungsrate |
|---|---|---|
| Desipramin | 183 mg/d | 68% |
| Nortriptylin | 92 mg/d | 68% |
Auch niedrigere Dosen sind bei vielen Patienten wirksam.
Weitere Alternativen
Abschnitt betitelt „Weitere Alternativen“- Reboxetin (Edronax, Solvex)
- Imipramin - gute Ergebnisse bei Erwachsenen
- Venlafaxin - positive Effekte in offenen Studien
- Betarezeptorenblocker (Propanolol, Nadolol) - weniger gesichert
Off-Label-Use
Abschnitt betitelt „Off-Label-Use“Situation bei Erwachsenen
Abschnitt betitelt „Situation bei Erwachsenen“Auch bei Erwachsenen stellt Methylphenidat die medikamentöse Behandlung der ersten Wahl dar. Allerdings:
- Derzeit ist kein Präparat in Deutschland für Erwachsene zugelassen
- Kann vom Arzt im Rahmen eines Heilbehandlungsversuchs verordnet werden
- Kostenübernahme bei manchen Krankenkassen noch nicht geklärt
- In der Schweiz wird Methylphenidat von der Krankenkasse auch für Erwachsene bezahlt
Bedingungen für Kostenübernahme (BSG)
Abschnitt betitelt „Bedingungen für Kostenübernahme (BSG)“- Lebensbedrohende oder die Lebensqualität nachhaltig beeinträchtigende Erkrankung
- Kein anderes zugelassenes Medikament auf dem Markt
- Veröffentlichte Erkenntnisse über Qualität und Wirksamkeit
Geschichte
Abschnitt betitelt „Geschichte“Methylphenidat wurde erstmals 1944 von Leandro Panizzon synthetisiert, einem Angestellten der schweizerischen Firma Ciba (heute Novartis).
Umgang mit Nebenwirkungen
Abschnitt betitelt „Umgang mit Nebenwirkungen“| Nebenwirkung | Massnahmen |
|---|---|
| Appetitminderung | Medikament zu Mahlzeiten; hochkalorische Ernährung am Abend; kein Essenszwang |
| Bauchschmerzen | Kleine, häufigere Mahlzeiten |
| Schlaflosigkeit | Schlafhygiene prüfen; letzte Dosis am Nachmittag; ggf. retardierte Formen |
| Traurigkeit | Dosis vermindern; retardierte Formen; ggf. Antidepressiva |
| Rebound-Effekt | Retardierte Formen; überlappende Dosierung |
| Reizbarkeit | Diagnose überprüfen; Überdosierung ausschliessen |
| Angst | Langsame Eindosierung; Dosisreduktion |